Melodie & Rhythmus

Walter Mossmann. Als Folk noch Folgen hatte

23.06.2015 14:56
Foto: Uli Deck

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Ein Nachruf

Berthold Seliger

In linken Wohngemeinschaften der BRD Ende der 1970er-Jahre gehörten Kassetten und LPs mit den Liedern von Walter Mossmann zur Grundausstattung. Seine Flugblattlieder zu zitieren funktionierte wie ein Erkennungszeichen unter allen, die eine andere Republik wollten. Und tatsächlich war das eine Zeit, in der es kurz schien, als ob die Verhältnisse umgestürzt werden könnten. Uns Jüngeren machte Mossmann damals Mut im Kampf gegen Atomindustrie und atomare Aufrüstung. Seine Lieder waren Instrumente des politischen Kampfs. Er mischte sich massiv ein in die politischen Kämpfe, gehörte zu den Initiatoren des erfolgreichen Anti-AKW-Kampfs in Wyhl Mitte der 1970er-Jahre und war später einer der Sprecher der »Republik Freies Wendland« in Gorleben. Sein Leben zeugt von der Einheit von Kunst und politischem Kampf. Wenn Ernst Busch während der Weimarer Republik als »Barrikaden-Tauber« (in Anlehnung an den großen Tenor Richard Tauber) bezeichnet wurde, dann darf man Walter Mossmann vielleicht den bundesrepublikanischen Barrikaden-Brassens nennen (in Anlehnung an den großen Chansonnier Georges Brassens).

In den 60er- und 70er-Jahren war Folk weltweit ein Instrument des politischen Kampfes. Vor allem in den USA, wo aufgrund des Wahlrechts bis heute nur die Wahl zwischen Mitte-Rechts und Rechts-Regierungen besteht, nutzte die außerparlamentarische Bewegung dieses Genre. Singer-Songwriter begriffen sich explizit politisch. Musiker wie Pete Seeger waren Mitglied der kommunistischen Partei, alle aber fühlten sich dem legendären Protestsong »Which Side Are You On?« verpflichtet, den Florence Reece 1931 für die streikenden Minenarbeiter in Harlan County schrieb; auch Bob Dylan bezieht sich in »Desolation Row« auf dieses Lied. Man muss in unseren scheißigen Zeiten, da Folk und Singer-Songwriter hauptsächlich zur Kuschelmusik der Weltzustimmung degradiert werden, an diese kämpferische und widerständige Tradition von Folk und Liedermacherei erinnern. In der BRD gab es die Liedermacherszene auf der Burg Waldeck, an deren Festivals Mossmann 1965 und 1966 teilnahm. Seine damaligen Lieder waren noch Chansons in der Tradition von Georges Brassens und Boris Vian. Mossmann, »vollgestopft bis an den Rand mit Liedern«, gehörte rasch zusammen mit Degenhardt und Süverkrüp zu den profiliertesten Vertretern radikaler politischer Lieder.

In den 70er-Jahren bekam Mossmanns Kunst einen neuen Drive. Eine Reise in die Provence, nach Larzac, öffnete 1973 neue künstlerische und politische Perspektiven. Dort hatten sich »Schafzüchter, Antimilitaristen, Ökologen und frei flottierende Pariser Linke« gegen ein geplantes Testgelände der Armee verbündet – Vorbild für den Kampf der Bürgerinitiative Weisweil/ Wyhl gegen das dort geplante Atomkraftwerk. Denn auch im »Dreyeckland«, der Grenzregion von Baden, Elsass und der Schweiz, verbündeten sich Bauern, Winzer, Ökologen und Akademiker zum Widerstand gegen die Errichtung eines Bleichemiewerks in Marckolsheim (Elsass) und gegen die in Breisach, Wyhl und im französischen Fessenheim geplanten Atomkraftwerke. Der Standort Breisach wurde aufgegeben, in Wyhl am Kaiserstuhl aber sollte das AKW errichtet werden. Als 1975 mit dem Bau des Reaktorgebäudes begonnen wurde, besetzten AKW-Gegner den Bauplatz, Walter Mossmann spielte mittendrin seine Lieder, so den legendären »KKW Nein Rag« (unter Verwendung einer Melodie von Phil Ochs) und »Die andere Wacht am Rhein« (dem »Which Side Are You On« als Vorlage diente):

»Beim Frühstück sitzen drei Kapitalisten und ein Ministerpräsident / ein Atomspezialist und ein hoher Polizist und ein Typ vom DGB, der pennt. / Ein Herr der Industrie nimmt zuerst das Wort: ‚Der Profit wird uns hier zu klein!« (…) / ‚Dazu plan ich euch’, sagt der Spezialist, ‚ein Atomkraftwerk, na klar! / Daß das schädlich ist und wahrscheinlich Mist, vergeß ich überm Honorar.’ / Der Chef der Polizei erklärt: ‚Ich kann nicht das Volk schützen vor dem Dreck, / doch den Dreck kann ich schützen vor dem Volk, wenn’s rebelliert. / Gebt mir Waffen und ich schaff es weg.’ (…) / Die paar Herren hätten gern das Volk am Zügel als stummes Stimmvieh. / Sie verwandeln Energie in Profit, aber wir: Verwandelt unsern Hass in Energie!« (KKW Nein Rag)

Man kann sich die Situation Mitte der 70er-Jahre kaum mehr vorstellen: Das linke Publikum war noch unentschlossen, linke Galionsfiguren zögerten, radikalen Widerstandsformen wie Platzbesetzungen und Blockaden zuzustimmen. Es gab keinen Zusammenschluss der Bürgerinitiativen, und so zog Mossmann mit seinen Flugblattliedern wie sein Vorbild, der sizilianische »Geschichten-Sänger und Lieder-Erzähler« Cicciu Busacca, übers Land, berichtete von den Ereignissen in Wyhl und dem erfolgreichen Widerstand gegen den Bau des AKW, spielte in Jugendzentren und Volkshochschulen, auf Festivals und bei Demonstrationen. Doch die Regierenden hatten aus Wyhl ihre Konsequenzen gezogen, die »Republik Freies Wendland«, das Hüttendorf im Gorlebener Wald, wurde mit allen polizeistaatlichen Mitteln 1980 geräumt.

Mossmann mischte sich auf vielfältigste Weise ein: gegen Berufsverbote, die Entlassung eines Betriebsrats. Er sang vom Abtreibungsgesetz, von der Katastrophe in der Chemiefabrik von Seveso, von internationaler Solidarität etwa mit Chile und Nicaragua und über den Nazi-Richter und späteren baden-württembergischen Ministerpräsidenten Filbinger. Diese Flugblattlieder wurden vom staatlichen Rundfunk und Fernsehen der BRD nicht gespielt – Liedzeilen wie »Bei uns wird das Recht mit Gesetzen zertreten« (in Ihre Gewalt und die unsere) hielt die Demokratie eben nicht aus …

1983 erschien eine der herausragendsten bundesdeutschen LPs überhaupt, Unruhiges Requiem. Mossmann, der mit seinen Flugblattliedern die Tradition des »Klampfliedes« von Brecht und Eisler aufgegriffen hatte, entwickelte sich ästhetisch weiter und gab sich nicht mit drei Akkorden zufrieden. Das Titelstück ist eine Toncollage, die in Zusammenarbeit mit dem Komponisten Heiner Goebbels entstand. Anlass war der Mord am Freiburger Arzt Tonio Pflaum durch von den USA unterstützte Contras in Nicaragua. Er beschäftigt sich mit politischem Kampf, dem Zustand der Republik, aber auch der Linken und ihrer Anpassung und Verzweiflung. Literarisch und musikalisch ist dieses Album hierzulande unübertroffen. Die Liedgrenzen einer »Ästhetik des Widerstands« werden ausgelotet und überschritten, ein »Klassiker politischer Kunst in Deutschland« (Thomas Rothschild).

Was er sang und schrieb, galt Mossmann als Volkseigentum, um Copyrights scherte er sich nicht. Er redete nicht nur von der »Verschwörung der Gleichen«, vom linken, egalitären Flügel der Französischen Revolution, sondern er praktizierte, wovon er sang. Walter Mossmann ist 73-jährig gestorben. Uns bleibt das Motto, nach dem er lebte, als Sänger des Widerstands und als Aktivist der undogmatischen Linken, der Titel einer seiner LPs aus den 70er-Jahren: »Leben, kämpfen, solidarisieren.«

Bei Trikont ist für 25 Euro eine Werkedition von Walter Mossmann auf 4 CDs erschienen:
Chansons, Flugblattlieder, Balladen, Cantastorie & Apokrüfen. In jeder CD ist ein ausführliches Booklet mit Anmerkungen, Dokumenten und kritischen und biografischen Kommentaren Mossmanns.

Erhältlich im M&R-Onlineshop

Der Beitrag erscheint in der Melodie und Rhythmus 4/2015, erhältlich ab dem 26. Juni 2015 am Kiosk, im Bahnhofsbuchhandel oder im Abonnement. Die Ausgabe können Sie auch im M&R-Shop bestellen.

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