Melodie & Rhythmus

Aufruf an die Nachgeborenen

11.12.2018 14:24
Friedensfest mit Tengu Daiko Foto: Heinz Bartels

Friedensfest mit Tengu Daiko
Foto: Heinz Bartels

Die Antifaschistische Erholungs- und Begegnungsstätte Heideruh in Niedersachsen sucht Unterstützer

Im vergangenen Frühjahr wurden mitten in einem niedersächsischen Kiefernwäldchen Lieder von Bert Brecht zum Besten gegeben. Gut 40 Kilometer südlich von Hamburg, bei der Stadt Buchholz in der Nordheide, liegt die Antifaschistische Erholungs- und Begegnungsstätte Heideruh. Kulturveranstaltungen gehören zu ihrem Programm. Im März 2018 feierte man dort mit der bekannten Sängerin und Brecht-Interpretin Gina Pietsch 60-jähriges Vereinsjubiläum, zwei Jahre zuvor beging man das 90-jährige Bestehen des Hauses.

Heideruh wurde 1926 von einer Widerstandsgruppe um den Hamburger Kommunisten Ernst Ludwig Stender als konspirativer Treffpunkt gegründet. Nach dem Krieg wies die britische Armee Heideruh dem Hamburger Komitee politisch Verfolgter (später Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes − VVN) zu, um Kindern, Hinterbliebenen und Angehörigen von Opfern staatlicher Repression einen Ort der Genesung und Rehabilitation zu bieten. Später trafen sich in Heideruh Jugendgruppen der Résistance und der Resistenza, 1952 gründete sich hier die Geschwister-Scholl-Jugend, zwischen 1973 und 1978 nahm man chilenische Kinder politisch Verfolgter des Pinochet-Regimes auf. Nach 1989 kamen viele ehemalige DDR-Bürger hierher in den Urlaub.

Dass man seit 2010 die politische Ausrichtung im Namen trägt, sei eine bewusste Entscheidung gewesen, erzählt Bea Trampenau, die resolut-freundliche Geschäftsführerin des Vereins Wohn- und Ferienheim Heideruh e.V. »Die Naziverfolgten und deren Nachkommen, die nach Heideruh zur Erholung gefahren sind«, so die Tochter des von 1933 bis 1945 inhaftierten Hamburger Kommunisten Richard Trampenau, »haben einen Schutzraum gesucht und ihn in der Abgeschiedenheit gefunden.« Doch seit der Jahrtausendwende ist die Opfergeneration im Verschwinden begriffen, und zum Erhalt der Stätte sei der Schritt in die Öffentlichkeit notwendig gewesen. Von der örtlichen AfD gab es zwar Gegenwind, doch selbst vom CDU-Bürgermeister erhält man Rückendeckung. Trampenau, ihr Mitstreiter Heinz Bartels und viele andere Ehrenamtliche sind weiterhin hoch engagiert. 2013 etwa nahm man neun Geflüchtete aus dem Sudan auf, 2018 trafen sich in Heideruh über 30 Gruppen, die Hälfte davon Jugendfahrten.

Trampenau ist überzeugt, dass in einem gesellschaftlichen Klima, »in dem antifaschistische Kräfte derzeit alle Hände voll zu tun haben«, eine Erholungs- und Begegnungsstätte wie Heideruh wichtiger ist denn je. Doch der Verein hat mit Problemen zu kämpfen: Die aus acht Häusern bestehende Anlage muss saniert, die Heizung erneuert werden. Es fehlt an qualifizierten Helfern, die sich beispielsweise mit Verwaltung oder Elektrik auskennen. Man bemühe sich um öffentliche Förderung, aber ohne die Solidarität von freiwilligen Unterstützern geht es nicht – alle fortschrittlichen Kräfte sind aufgerufen! Die Frage, die Trampenau an sie stellt, ist konkret: »Wie viele Kapazitäten haben die Antifaschisten und Antifaschistinnen, um ein Tagungshaus in Norddeutschland zu erhalten?«

red

heideruh.de

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