Melodie & Rhythmus

MAGAZIN: Bück dich zärtlich

29.12.2011 10:05

Carlos Peron ist die Antithese zu Rammstein

Carlos PeronInstrumentale Musik leidet schon immer unter dem Problem der inhaltlichen Deutung. Wenn ein Künstler den Synthesizer minutenlang vor sich hin pluckern lässt und seine nonverbale Stromkunst »Abendstimmung« nennt, wird sich der Hörer pflichtgemäß in eine Abendstimmung versetzen. Hätte der Künstler sein Werk »Rattenköttel« genannt, wäre der gleiche Song Stoff für diskursive Runden unter bleichen jungen Männern.

Deshalb scheint es auf den ersten Blick amüsant, wenn man elektronische Musik als Soundtrack für die Erotik- und Fetischszene bezeichnet. Doch bei Carlos Peron kann man sicher sein, dass er meint, was er sagt. Er gründete 1979 mit Boris Plank und Dieter Meyer Yello, verließ die Band aber 1984, weil er lieber solistisch arbeiten wollte, unter anderem für das Fetischmagazin »O«. Dort wurde er 1994 gebeten, eine CD mit einem Fetisch-Mix zusammenzustellen. Als Inspiration diente der Fetisch-Film »The White Room«, der keine Musik enthielt. Peron komponierte einen Soundtrack und nannte ihn »La Salle Blanche«. Obwohl die CD anfangs nur in der Fetischszene verkauft wurde, war ihr Erfolg phänomenal. Peron hatte eine Marktlücke entdeckt, in der außer ihm und der französischen Band Die Form nicht viele Musiker arbeiten.

Peron erweiterte den Soundtrack zur »La Salle«-Reihe: »La Salle Rouge«, »La Salle Violette «, »La Salle Noire«. Dafür bedurfte es keiner cineastischen Inspirationen mehr. Peron ist selbst in der Fetischszene aktiv und legt als DJ auf Partys auf, deren Dresscode man vorher lesen sollte, um nicht am Türsteher zu scheitern: »Latex bunt/schwarz, Lack/Leder, Uniform, Glamour, Fantasy, Burlesque, Gothic, Netz, Nylon oder Korsagen.« Seine Musik ist der Wohlfühlteppich für diese Szene, sie ist nicht aggressiv. »La Salle Blanche« wird häufig mit »Enigma« verglichen, doch das ist nur die halbe Wahrheit. Bei Enigma knallen keine Peitschen.

Unter dem Titel »11 Deadly Sins« hat Carlos Peron 11 CDs mit erotischen Sounds zu einem Fetisch-Marathon zusammengestellt: Insgesamt 520 Minuten Musik für ausgedehnte Sessions. Wem nach den ersten 100 Minuten die Spielideen ausgehen, der kann sich im großformatigen Booklet von sehr edlen Schwarz-Weiß-Fotos von Wolfgang Eichler anregen lassen. Hat man sich schließlich mit Fotos und Musik in Stimmung gebracht, kann man eine nicht jugendfreie Beigabe der Box benutzen. In einem kleinen Samtbeutel liegt ein Ring-ABuzz, der bei jedem Handyklingeln losrattert, was bei größeren Menschenansammlungen mit ausdauernden Telefonierern – z. B. Silvester am Brandenburger Tor –, ein hübscher Effekt sein könnte.

Jürgen Winkler

Der Beitrag erscheint in der melodie&rhythmus 1/2012, erhältlich ab dem 3. Januar 2012 am Kiosk oder im Abonnement.

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