Melodie & Rhythmus

Künstler und Intellektuelle unterstützen Melodie & Rhythmus


Musiker, Komponisten, Intellektuelle, Literaten und Kabarettisten setzen sich für Melodie & Rhythmus ein und haben in Videos und Texten ihre Gedanken über Gegenkultur festgehalten. Die Seite wird laufend mit neuen Statements aktualisiert.

Zu den Statements von Black Heino, COR, Dota Kehr, Johann Kresnik, Genoël von Lilienstern, Moshé Machover, Mono für alle!, Christoph Sieber, Sleaford Mods, Sozi36, Konstantin Wecker

Black Heino

black_heino

Moshé Machover
Publizist

Dota Kehr
Liedermacherin

Foto: Annika Weinthal

Foto: Annika Weinthal

Für mich bedeutet Gegenkultur ganz allgemein das, was sich dem konformen Gutheißen des Status Quo entgegenstellt. Aber da wird es auch schon kompliziert, weil es gerade in der Pop- und Rockmusik oft zur Pose von Bands gehört, inhaltlich gegen die kapitalistische Verwertungslogik anzusingen, während sie aber genau in dieser funktionieren und ihre Alben verkaufen und ihre Konzerte vollkriegen möchten. Diesen Widerspruch kann man nicht aufheben. Absurd wird es, wenn riesige Plattenfirmen sich mit »pseudorebellischen« Bands schmücken, aber hey, da muss jeder sich sein eigenes Bild machen.

Und genau dafür ist M&R ein sehr gutes Medium. Besonders wichtig finde ich Gegenkultur in der Medienlandschaft. Wo nur noch ganz wenige Medien ihre Inhalte voneinander abschreiben, ist überall derselbe Quatsch zu finden. Und in Berichten über Kultur ist das ärgerlich, in Berichten über politische Themen ist das sogar gefährlich. Ich wünsche der M&R weiteres Bestehen, weil ich sie als alternative Stimme vermissen würde.

Mono für alle!
Electropunk-Band

Foto: Sarq Reuter

Foto: Sarq Reuter

Seit unserer Gründung Ende der 1990ger-Jahre hat sich die Gesellschaft stark verändert und damit auch die Antwort auf die Frage, was Gegenkultur für uns bedeutet. Früher haben wir Songs gegen Nazis gemacht und schwarze Hoodies getragen; damit konnten wir in jedem Autonomen Zentrum spielen − das war Statement genug, und das Establishment stand unverkennbar auf der anderen Seite. So war Gegenkultur relativ einfach und billig. Spätestens zur Jahrtausendwende adaptierten dann Nazis linke Dresscodes, Pseudolinke begannen sich für Krieg und Kapitalismus zu begeistern, und gegen Nazis waren plötzlich alle: vom gewerkschaftlichen Bratwurststand bis zur CDU. Linksliberalismus wurde Pop, und die musikalischen Vertreter dieses Genres durften auf keinem großen Festival mehr fehlen, genauso wie Biolimonade und Ökostrom. Eine irgendwie kritische Attitüde und angebliche Anti-Haltung wurden zum selbstverständlichen Label vieler kommerzieller Musikprodukte, und am erfolgreichsten ist seit ein paar Jahren vermeintlicher Unterschichten-Rap, made by Warner, EMI, Sony usw. − womit prekäres Scheißleben als Lifestyle verklärt wird. Der Kulturindustrie ist es gelungen, sich den Protest, Kritik und die alternativen Ideen der Subkulturen anzueignen, systemgerecht zu formatieren und massenwirksam zu vermarkten. Dieser Prozess kann jedoch nur funktionieren, weil die Subkulturen da auch größtenteils bereitwillig mitwirken, anstatt dem etwas entgegenzusetzen. Es gibt mittlerweile unzählige angeblich systemkritische Musiker, die verbal gegen Nazis, Kapitalismus, Sexismus, Deutschland usw. zu Felde ziehen, aber voll im kapitalistischen Musikbusiness mitmischen und damit praktisch das System reproduzieren, obwohl sie es scheinbar kritisieren. Wenn die bürgerliche Gesellschaft heutzutage mit all ihren subkulturellen Fakes gegen Nazis rockt oder rappt, dann ist das dieselbe verlogene Doppelmoral, mit der sie vom Frieden redet und gleichzeitig Waffen in Krisengebiete verkauft oder von Nachhaltigkeit und Ökologie, während sie Kohleabbau, Flughäfen, Gentechnik usw. vorantreibt. Die Integration der Subversion erweckt den Eindruck gesellschaftlicher Reformation, die tatsächlich jedoch nie stattfindet, denn Kapitalismus, Kriege, Nazis, Umweltzerstörung usw. wachsen kontinuierlich und sind bedrohlicher denn je.

In einer solchen Situation ist es klar (zumindest für uns), dass echte Gegenkultur nur noch auf einer völlig anderen Ebene passieren kann, und in diesem Kontext ist auch unsere Musik zu sehen. Wir kritisieren das System, das Falsche und den Fake, aber auch die Linken, die da mitmachen und so tun, als seien sie Opposition. Gegenkultur bedeutet dabei für uns vor allem, dass Musik nicht losgelöst vom sonstigen Handeln einer Band gesehen werden kann, und wir versuchen Alternativen zu praktizieren, wie z.B. Spendenkonzerte, Musik-Sharing, selbstgenähte Shirts und DIY-Tonträger. Teile des linksliberalen Kulturbetriebs reagieren darauf besonders gereizt und versuchen, die eigenen Widersprüche lieber mit den Sachzwängen des Kapitalismus moralisch und ideologisch zu legitimieren, während sie alternative Praxis als »verkürzte Kritik« diffamieren. An dieser Stelle wird für uns die Notwendigkeit von M&R besonders deutlich, denn es gibt sonst keine Kulturzeitschrift, die das Phänomen der gefakten Subversion und pseudolinker Querfront − oder wie M&R es sehr treffend bezeichnet: »neoliberale Subkultur« − auch nur ansatzweise benannt oder beschrieben hätte. Hoffentlich schafft M&R die 1.700 Abonnenten und lässt uns nicht mit Spex und Testcard alleine ;-)

Peace!

COR
Friedemann, Sänger

Sozi36
Graffiti-Künstler

Foto: Sozi36

Foto: Sozi36

Genoël von Lilienstern
Komponist

Johann Kresnik
Theaterregisseur

Johann Kresnik

Foto: Herwig Prammer/Reuters

Gegenkultur bedeutet für mich kritische Kultur – jenseits der repräsentativen Hochkultur, die auch Politiker goutieren. Wenn die großen Häuser noch mehr Geld brauchen, dann kriegen die das auch. Aber für alles Innovative, Kritische außerhalb dieses Radius hat die Politik überhaupt keinen Sinn mehr. Den freien Gruppen mangelt es an allen Ecken und Enden, in mittleren und kleineren Theatern wird gestrichen. Das finde ich einfach unglaublich: Deutschland, eines der reichsten Ländern der Welt, hat für Kultur im Prinzip nicht viel übrig.

Es braucht Gegenkultur, um gegen das herrschende System anzugehen. Man muss sich ja nur den VW-Skandal vor Augen führen, um zu sehen, wie Wirtschaft, Industrie und Banken die Politiker beeinflussen. Die greifen nicht ein. Oder wenn in Deutschland die Armut zunimmt und Politiker, die mit unheimlich viel Gehalt nach Hause gehen, meinen: »Na ja, Hartz IV reicht doch für die!« – da kann man eigentlich nur den Kopf schütteln. Also brauchen wir Gegenkultur. Künstler, die sich hinstellen und sagen: »Moment, das geht nicht, was hier abläuft in der Politik.« Auch und vor allem im Theater. Es müsste sich gegen das breite Desinteresse am Zeitgeschehen stellen und auch wieder rein politisches Theater machen. Zum Beispiel nicht mit Flüchtlingen, sondern über die Ursache, warum es Flüchtlinge gibt. Aber keiner macht ein Stück darüber, wie die Engländer und Franzosen Anfang des 20. Jahrhunderts mit dem Lineal Linien durch ganze Scheichtümer gezogen haben.

Melodie & Rhythmus beschäftigt sich mit Künstlern, die sich gegen die herrschende Politik stellen und sich weigern, Kultur zu repräsentativen Zwecken zu verniedlichen. Die sagen: »Ich muss doch Deutschland kritisieren können.« Viele der heutigen Kulturredakteure haben keine Ahnung mehr von dem, was auf den Bühnen vor 20, 30 Jahren passierte. M&R könnte hier die bislang fehlende Plattform für eine fundierte, historisch informierte Theaterkritik bereitstellen. So ein Projekt gilt es zu unterstützen.

Konstantin Wecker
Liedermacher

Konstantin Wecker

Foto: Thomas Karsten

Die größte Infamie des Neoliberalismus besteht darin, uns einzureden, alle derzeitigen Ungerechtigkeiten, die Ausbeutung und all die ökonomischen Verbrechen seien alternativlos. Quasi gottgegeben. Und wer sich querstellt, wird im harmlosen Fall als »naiver Träumer« diffamiert oder als »Terrorist« gebrandmarkt. Die Mächtigen halten mit eisernen Zangen an ihrer Macht fest. Sie wissen nichts von der Schönheit. Von der Schönheit des Mitgefühls für alles was lebt, verbunden zu sein, eins zu sein mit den Menschen und Tieren, Wäldern und Wiesen und Seen und Flüssen. Deshalb müssen sie alles zerstören, was ihnen von ihrem Ego getrennt erscheint.

Gegenkultur heißt nicht, gegen Kultur, sondern gegen die Kultur der Herrschenden zu sein. Gegen eine Kultur der Ablenkung, der Verniedlichung und der Zerstörung. Gegen eine Kultur, die uns das Wissen austreiben will, dass wir aufbegehren und die Welt verändern können.

In der »Dialektik der Aufklärung« von Adorno und Horkheimer lesen wir: »Die ursprüngliche Affinität aber von Geschäft und Amusement [der Kulturindustrie] zeigt sich in dessen eigenem Sinn: der Apologie der Gesellschaft. Vergnügtsein heißt Einverstandensein.« Wahrlich, wir leben in gefährlichen Zeiten. Die Rechtsextremen und Rassisten kriechen aus ihren Löchern, in denen sie sich lange verbergen mussten und geben unflätig laut. Plötzlich wird wieder angehört, was nie mehr ausgesprochen werden sollte. Was nie mehr ausgesprochen werden darf.

Wer, wenn nicht die Kunst, soll nun die Außenseiter, die Sanften, die Verrückten, die seitlich Umgeknickten beschützen, wenn nicht die Kunst? In einer Welt, deren einziges Ziel es zu sein scheint, sich hemmungslos und über alle Grenzen der Menschlichkeit hinweg materiell zu bereichern, in einer extrem sinnlosen Welt − da ja materielle Bereicherung kaum Sinn gebend sein kann − ist Poesie ein Anker und ein Wegweiser. Um es ganz deutlich zu sagen: Die Poesie ist anarchisch! Sie lässt sich nicht zwängen in ein ideologisch starres Gebäude, selbst wenn sie sich ab und an sogar darin wiederfindet. Die Poesie singt, weil sie ein Lied hat, nicht weil es gefällt. Poesie ist Widerstand. Kunst ist Widerstand, weil diese Sprache die Herrschenden nicht verstehen. Davor haben sie Angst: vor den Dichtern, den Träumern und Fantasten. Weshalb werden wohl in jeder Diktatur als erstes die Bücher verbrannt? Die Liebenden verbannt?

Wir müssen nun zusammenhalten und zusammen widerstehen. Ohne ideologische Kleinkriege. Mit dem Herzen denkend. Denn es kommt etwas auf uns zu, was nie wieder hätte aus dem Dunkel kriechen dürfen. Der Philosoph Franco Berardi schreibt: »Wir werden in den nächsten zehn Jahren eine identitäre Aggression erleben − ich verwende das Wort Faschismus nicht, aber ich denke, es ist etwas sehr Ähnliches.«

Um dem entgegenzuwirken, braucht es Melodie & Rhythmus! Dieses Gegenkultur-Magazin ist unverzichtbar in diesen Zeiten, in denen ganz bewusst die Stimmen unterdrückt werden, die im Sinne Brechts eine veränderbare Welt beschreiben und besingen wollen.

Jedes M&R-Abo ist ein Ausdruck des Widerstands!

Sleaford Mods
Jason Williamson, Rapper

Christoph Sieber
Kabarettist

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Melodie & Rhythmus retten – 1.000 Abos jetzt!

jW, 31.03.2018
Sterben Musikzeitschriften aus? Krise und Umbruch
„Musikforum“, „Melodie & Rhythmus“ und die „Österreichische Musikzeitschrift“ - drei traditionsreiche Magazine werden sicher oder möglicherweise eingestellt. Sterben Musikzeitschriften aus? Und liegt die Rettung im Internet? Jan Ritterstaedt hat sich umgehört.
SWR, 22.02.2018

Auslaufmodell Gegenkultur? Zum drohenden Ende von Melodie & Rhythmus
Interview von Deutschlandfunk Kultur mit M&R-Chefredakteurin Susann Witt-Stahl
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Wundertäter gesucht
Wie Melodie & Rhythmus als Magazin für Gegenkultur doch noch fortgeführt werden könnte
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Treibstoff für große Anstrengungen
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Auf Eis gelegt
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Zur Ästhetik der Großen Weigerung
Warum eine Gegenkultur auf historisch-materialistischer Basis alternativlos ist
06.01.2018

Pressemitteilung:
Zeitschrift Melodie & Rhythmus vor dem Aus?, 05.01.2018
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