Melodie & Rhythmus

Was muss sein?

14.09.2021 14:18
»Unser Leben« von Walter Womacka, Fries am Haus des Lehrers in Berlin, 1964 Foto: Imago-Images / Jürgen Ritter

»Unser Leben« von Walter Womacka, Fries am Haus des Lehrers in Berlin, 1964
Foto: Imago-Images / Jürgen Ritter

Über Freiheit, Zwang und Wissen im Kapitalismus und Sozialismus

Dietmar Dath

Sicherheit, Verzicht, Lust

Freiheit ist tun können, was ich will. Zweierlei kann dem entgegenstehen: erstens der andere Wille (im allgemeinsten Fall: »Gesellschaft«), zweitens die Gegebenheiten (im allgemeinsten Fall: »Natur«). Die Reklame für Freiheit wird im Imperialismus, in dem wir leben, desto lauter, je weniger Freiheit zu haben ist. Sogar die selbstständige Architektin und der niedergelassene Arzt gehören den Banken, etwa weil sie sich für den technischen Krempel, den sie für ihre Berufsausübung brauchen, verschulden müssen, falls sie nichts geerbt haben. Ihre Fron währt dann bis übers Ende des Arbeitslebens hinaus, danach wird das unterwegs erworbene Häuschen stückchenweise verkauft, »für mehr Liquidität im Alter«. Das trifft Leute, denen es vergleichsweise gut geht – Glückspilze. Weitaus mehr Menschen leiden ja in den Klauen von Konzernen wie Deutsche Wohnen und wissen nicht, woher sie langfristig die Tribute hernehmen sollen, die diese fordern. Die Arbeiterin oder den Angestellten erwartet, wenn sie verschlissen aus der Produktion ausscheiden, eine beleidigend mickrige Rente. Wer rackert, kommt in den höchstentwickelten Nationen nicht an die Sorte Wohnraum, über den nicht die Vermieterlaune herrscht. Sparen hilft nicht, das brächte nur Nullzinsen und kostet bald Strafzinsen.

Altmodisch auf Konkurrenz getrimmte, immer noch »mittelständisch« genannte Firmen lassen sich derweil von »Investoren« die letzten Wände und Hocker aus den Büros reißen, stellen ihr Rechnerwesen auf Cloudquatsch um, leasen Betriebsmittel und vervielfachen mit jedem Schritt ihre Abhängigkeiten vom Großkapital. Selbst ihre bestbezahlten Diener (»Manager«) kaufen sich Kinder, kriegen Hunde oder umgekehrt. Dann haben sie jemanden im Haus, dem sie ihren Willen aufzwingen können, der sonst erkennen muss, dass er so wenig frei ist wie der Migrant, der den Ort selbst gewählt zu haben scheint, wo er gehasst wird. Vor 30 Jahren erzählte der kleine und gebeutelte organisierte Kommunismus in der BRD der Arbeiterklasse: Vergesst euren Bausparvertrag, eure sozialen Sicherheiten und erträglichen Arbeitszeiten, die man euch zur Bestechung auf Kosten der Dritten Welt eingerichtet hat – ohne Revolution oder sozialistische Gegenmacht anderswo wird man euch alle diese Polster bald wegnehmen. Exakt so kam es. Jetzt darf man dafür mit Kryptocoins und Aktien spekulieren, das heißt, dem Kapital den letzten Groschen zum Verjuxen rüberschieben. So wirtschaftet man »frei«, soll sagen: unter keiner politischen Gewalt über dem Markt. Linksradikale indes winken ab, wenn man sie auf zerstörte Sozialismen (den der Sowjetunion, den der DDR etwa – sie waren keineswegs in allem identisch) als Gegenmodelle zu dieser beschissenen Sorte Freiheit verweist. …

Dietmar Dath Schriftsteller, Übersetzer und Journalist. Von 1998 bis 2000 war er Chefredakteur der Popzeitschrift Spex. Er ist Autor von Romanen (»Die Abschaffung der Arten«, 2008), Theaterstücken (»Restworld« mit F. Wiesel, 2021 in Heidelberg), Hörspielen (»Maryam. Kein Nachruf für euch«, 2019) und Sachbüchern (»Niegeschichte. Science Fiction als Kunst- und Denkmaschine«, 2019). Jüngst ist sein Roman »Gentzen oder: Betrunken aufräumen« erschienen.

Der komplette Essay erscheint in der Melodie & Rhythmus 4/2021, erhältlich ab dem 17. September 2021 am Kiosk, im Bahnhofsbuchhandel oder im Abonnement. Die Ausgabe können Sie auch im M&R-Shop bestellen.

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