Melodie & Rhythmus

»Flavor to the People«

26.09.2017 14:36
 Zerstörung der Lenin-Statue in Charkow, Ukraine 2014 Foto: Reuters

Zerstörung der Lenin-Statue in Charkow, Ukraine 2014
Foto: Reuters

Konterrevolution und Banalisierung

Susann Witt-Stahl

Die 13 Meter hohe Che-Guevara-Statue in der argentinischen Metropole Rosario soll abgerissen werden. Das fordert jedenfalls die neoliberale Denkfabrik Fundación Bases, die rechte Akademiker 2004 in der Geburtsstadt des Revolutionärs gegründet haben. Intensiv geworben wird für dieses und weitere antikommunistische Projekte hierzulande von einem Blog mit dem alles sagenden Namen »Konterrevolution«, das ähnlich wie das Ayn Rand Institute in den USA mit einer orwellianisch anmutenden Propaganda gegen Bürgerrechtsbewegungen wie Black Lives Matter mobilisiert – vor allem aber eine Botschaft hat: Die Konterrevolution ist »die einzig wahre Revolution«.

Nicht nur in Südamerika werden Hasskampagnen und Kulturkämpfe gegen Kommunisten und Sozialisten vorangetrieben. In Osteuropa (besonders drastisch in der Ukraine) ist seit den 90er-Jahren eine regelrechte Raserei gegen Denkmäler, Kunstschätze, kulturelle Einrichtungen, alles, das an die Oktoberrevolution, die Sowjetunion, nur an den Marxismus erinnert, in vollem Gange.

Der Realsozialismus ist längst zerschlagen − woher rührt dann noch die antikommunistische Bilderstürmerei? Hegemoniale Kapitalfraktionen wollen mehr imperialistische Kriege und Neokolonialismus, neue Absatzmärkte erschließen, Rohstoffe und Land erbeuten, weitere Deregulierungen der Arbeits- und Finanzmärkte durchsetzen. Was Herbert Marcuse kurz vor dem faschistischen Putsch in Chile konstatierte, der den Siegeszug des Neoliberalismus einleiten sollte, gilt bis heute: »Die Konterrevolution ist weitgehend präventiv; in der westlichen Welt ist sie das ausschließlich. Hier gibt es keine neuere Revolution, die rückgängig gemacht werden müsste, und es steht auch keine bevor«, so der Philosoph 1972. »Und doch schafft die Angst vor einer Revolution gemeinsame Interessen und verbindet verschiedene Stadien und Formen der Konterrevolution von der parlamentarischen Demokratie über den Polizeistaat bis hin zur offenen Diktatur.«

Nicht erst das Aufgebot paramilitärischer Einheiten beim G20 in Hamburg, schon die Beschneidung des Streikrechts, die Strafmaßerhöhung bei Widerstand gegen die Staatsgewalt und jüngst das Verbot von linksunten.indymedia.org, das vermutlich nur der Auftakt für weitere Zensur linksradikaler Opposition war, geben einigen Anlass zu der Sorge, dass der autoritäre Staat bald nicht mehr bloß eine düstere Vision sein könnte.

Sackschlagen und Topfhüpfen

Der sich in Deutschland und seinen westlichen Nachbarn innenpolitisch noch vergleichsweise moderat durch sukzessive Entdemokratisierung und Erosion des Grundgesetzes und des Rechtsstaats vollziehende konterrevolutionäre Prozess äußert sich auf der kulturellen Ebene entsprechend subtil: Die Produkte der Kulturindustrie sind die wirkungsvollste Waffe dieser sanften Konterrevolution. RTL und SAT.1 konditionieren die Menschen, die Wirklichkeit vor ihrer Haustür als Appendix der Game- und Datingshows, Doku-Soaps und Sketch-Serien wahrzunehmen. »Die ganze Welt wird durch das Filter der Kulturindustrie geleitet«, beschrieben Horkheimer und Adorno den Mechanismus, der die Identifikation mit dem Unerträglichen möglich macht.

Erwachsene werden permanent in einen Peter-Pan-Modus versetzt. Durch die Entlastung von jeglicher Verantwortung und Bürde der Verteidigung der eigenen Würde wird die Entmündigung als lustvoll erlebt. Ein »Ninja Warrior« kennt keinen Schmerz, den die Erniedrigung im Jobcenter unweigerlich bei allen erzeugen muss, die noch die Kraft haben, Kontakt zur Realität zu halten. »Die meisten Unterhaltungssendungen in den Privatsendern bestehen aus Kindergeburtstagsspielchen«, lästert der Kabarettist Volker Pispers: »Sackschlagen, Eierlaufen, Topfhüpfen«.

Neutralisierung von Solidarität und Objektivität

Zur Wonne der masochistischen Hingabe an das Triviale gesellt sich der Genuss am Versagen und Scheitern der anderen: Der Tsunami aus Spott und Hohn, der beim »Supertalent« auf den herniedergeht, der sich zum Horst macht, richtet sich auch gegen den Menschen, wie er sich in einer Gesellschaft, die sich der Geißel des Kapitalismus entledigt hat, durch freie Arbeit selbst erschaffen könnte. »Das Kollektiv der Lacher« (kein echtes Kollektiv, weil es tatsächlich nur eine Ansammlung von Monaden ist) »parodiert die Menschheit«, meinen Horkheimer und Adorno und verweisen auf das in seiner Aktion enthaltene regressive Moment der blinden Selbstbehauptung des mit der Macht der Majorität der Auslacher ausgestatteten Einzelnen gegen das »lächerliche« Objekt. Diese Empathie und andere soziale Regungen eliminierende Gemeinschaft der Sich-köstlich-Amüsierenden liefere ein »Zerrbild der Solidarität«.

Weitere Anästhesierung des Willens zum Widerstand leistet die ständige Wiederholung des Unsinns. Das Vergnügen daran mündet in Langeweile (weil es ja nicht mehr als Vergnügen empfunden wird, wenn es auch Anstrengung erfordert, die ja voll und ganz dem Arbeitsalltag vorbehalten sein soll) und befördert somit »die Resignation, die sich in ihm vergessen will«.

Der Schein eines Einflusses auf die Entscheidungen der politischen Klasse, dem Personal der ökonomischen Eliten, wird regelmäßig in den Talkshows produziert. Intellektfreie Prominente, häufig auch das Publikum, dürfen Meinungen bekunden − solange diese nur keine Argumente enthalten. Die auf Befindlichkeiten, zuweilen auch auf Ressentiments beruhende und die Meinung der Herrschenden reproduzierende konformistische Gesinnung ist von einer »Kruste« des Banalen umgeben, das besonders gründlich jegliche Objektivität neutralisiert, wenn sie als gleichwertig mit kritischen, auf Fakten und logischer Darstellung beruhenden Positionen deklariert wird. »Das Banale kann nicht wahr sein. Was, in einem falschen Zustand, von allen akzeptiert wird, hat, indem es diesen Zustand als den ihren bestätigt, vor jedem besonderen Inhalt schon sein ideologisches Unwesen.« Das meinte der sowjetrussische Schriftsteller Isaak Babel, als er zu seiner viel zitierten Feststellung kam: »Die Banalität ist die Gegenrevolution.«

Die Barbarei der Kulturindustrie

In der Kulturkonsumgesellschaft treibt eine allgemeine Banalisierung der Lebenswelt durch die Fetischisierung der Albernheit und des Infantilen, das von oben dirigierte Triumphgeheul gegenüber den Verlierern, die Manifestation der substanzlosen Meinung als Sprengmine der Wahrheit in den (Talk-)Show-Arenen die Entfremdung, Atomisierung und das Konkurrenzdenken voran, die die Menschen an der Formierung eines revolutionären Kollektivsubjekts hindern.

Am sinnfälligsten zeigt sich diese Entwicklung in der Integration und Deformation von Revolutions-Ikonen durch kommerzielle Ausschlachtung: Wenn auf US-amerikanischen Fast-FoodTrucks Che Guevara nur noch »Flavor to the People!« verspricht oder in einem Werbespot den wahren Satz »Es ist Zeit für eine neue Revolution« sagt, Karl Marx ihn mit der Aus sage »für die Bedürfnisse der Menschen« ergänzt und im nächsten Bild ein Dacia Logan MCV angeboten wird, dann heißt das für »die da unten«: Ein voller Magen und ein Billig-Wagen − das ist das Höchste, was für euch zu haben ist, und das auch nur, wenn ihr alle Hoffnung auf Befreiung fahren lasst. Vor allem aber vollzieht die Verballhornung und Zurichtung der Revolutionäre zu Werbe-Clowns kulturell jenen Akt der Demütigung, den Feldherren in der Antike mit der öffentlichen Zurschaustellung gefangener Anführer von besiegten Aufständischen zelebrierten. »Vae victis«, lautet auch heute die unmissverständliche Warnung des seit 1990 allein herrschenden Kapitalismus. Horkheimer und Adorno hatten gute Gründe, von der »Barbarei der Kulturindustrie« zu reden.

Marcuse identifizierte den Neoliberalismus als »neue konterrevolutionäre Phase« mit »demokratisch-konstitutionellen« Zügen, die einer »späteren faschistischen Phase« den Boden bereiten kann. Nicht erst seit die Rechtstendenz in den westlichen Gesellschaften dramatisch beschleunigt wird, ist es für jeden Sozialisten und Kommunisten höchste Zeit, neben den politischen Auseinandersetzungen in den Betrieben und auf der Straße auch den Kampf für eine klassenbewusste intellektuelle Gegenkultur zu führen. Denn, wie Gérard Raulet über den »Philosophen der Revolution« Ernst Bloch sagte, »den Marxismus erhält er am Leben, indem er die Gegenbanalität inkarniert«

Den kompletten Artikel lesen Sie in der Melodie & Rhythmus 4/2017, erhältlich ab dem 29. September 2017 am Kiosk, im Bahnhofsbuchhandel oder im Abonnement. Die Ausgabe können Sie auch im M&R-Shop bestellen.

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