Melodie & Rhythmus

»German McCarthyism«

19.03.2019 14:51

English translation

Foto (Montage): dpa/Johannes Eisele; EPA/Atef Safadi/dpa

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Diffamierung und Entzug der Auftrittsmöglichkeiten: Deutsche Politiker und eine rechtsopportunistische Techno-Club-Szene gehen mit rabiaten Methoden gegen internationale palästinasolidarische Künstler vor

Matthias Rude & Valery Renner

Der britische DJ Ben UFO trat am 12. September 2018 in der deutschen Club-Szene eine heftige Auseinandersetzung los, als er bei Instagram eine unscheinbare Grafik postete. »Solange die israelische Regierung ihre brutale und anhaltende Unterdrückung der Palästinenser fortsetzt, respektieren wir deren Aufruf zum Boykott Israels, um friedlich gegen die Besatzung zu protestieren. #DJsForPalestine«, war darauf zu lesen. Er verstehe seine Äußerung als Konsequenz seiner allgemeineren antirassistischen Haltung, betonte Ben UFO. Mehr als hundert Musiker und Produzenten schlossen sich an, darunter Größen des Genres: Four Tet, The Black Madonna, Caribou, Laurel Halo. Die Initiative ging von den Künstlern selbst aus, unabhängig von, aber in Anlehnung an Kampagnen wie »Boycott, Divestment and Sanctions« (BDS). Hierzulande sind diese Kampagnen, die an die Tradition der internationalen Bewegung gegen die Apartheid in Südafrika anknüpfen wollen, umstritten.

2017 hatte die Israelische Botschaft ausgewählte Acts des Berliner Pop-Kultur-Festivals finanziell unterstützt, worauf acht Bands – aus dem arabischen Raum, Großbritannien und Finnland – ihre Teilnahme zurückzogen. Deswegen wurden sie in den deutschen Medien attackiert. Eine Tatsache, die weitgehend unterschlagen wurde: Auch sieben deutsche und internationale jüdische wie israelische Organisationen unterstützen derartige Boykottmaßnahmen, etwa das Netzwerk Jewish Voice for Peace. 2018 hagelte es erneut Proteste kritischer Juden gegen die Netanjahu-PR des Pop-Kultur-Festivals: »Unterstützung der israelischen Regierung anzunehmen, spielt deren wohlbekannter ›Brand Israel‹-Propagandastrategie in die Hände, die Kunst dazu benutzt, ihre fortgeführten Verletzungen des Völkerrechts weißzuwaschen«, erklärte die Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost.

Obwohl die Initiatoren immer wieder jede Form von Judenhass verurteilen und sich gegen eine Gleichsetzung von Israel mit dem Judentum aussprechen, wurden ihre Boykottaufrufe im Jahresbericht des Berliner Verfassungsschutzes von 2017 unter der Überschrift »Sonderthema Antisemitismus« abgehandelt. Das schottische Hip­-Hop­-Trio Young Fathers, das in jenem Jahr seinen Auftritt beim Pop-­Kultur-Festival abgesagt hatte, wurde deshalb 2018 von der Ruhrtriennale zunächst wieder ausgeladen. Später wurde diese Entscheidung nach vehementer Kritik revidiert. 80 internationale Künstler und Intellektuelle, darunter Patti Smith, Noam Chomsky und Angela Davis, bezeichneten das Vorgehen gegen die Young Fathers in einem offenen Brief als »eine besonders alarmierende Form von Zensur, ›Blacklisting‹ und Repression«.

Ganz auf Linie des Verfassungsschutzes und der zunehmend aggressiv agierenden Pro-­Netanjahu-­Pressure-­Groups äußerte sich dagegen Berlins Kultursenator Klaus Lederer von der Partei Die Linke, nachdem sechs Acts ihre Teilnahme am Pop-­Kultur-­Festival 2018 gecancelt hatten: Bei einer öffentlichen »Diskussion« zum Boykott, die zum Auftakt der Veranstaltung ohne palästinensische oder andere oppositionelle Stimmen stattfand, bezeichnete er BDS und die Apartheid-­Vorwürfe gegen Israel von im Publikum anwesenden jüdischen Linken als »strukturell antisemitisch«.

Die seiner Ansicht nach völlig falsche Identifizierung von linker Palästina-­Solidarität mit Antisemitismus verstöre ihn am meisten, erklärt Seth Joshua Horvitz aka Rrose, der #DJsForPalestine unterstützt und dem schon Sanktionen angedroht wurden. »Sie ist in Deutschland extrem verbreitet, nirgends sonst, wo ich gespielt habe.«

Das gilt besonders für die Hauptstadt. Dort hat die vom »Musicboard« des Kultursenators mit Fördermitteln bedachte und sich schon lange zum Millionengeschäft entwickelnde Techno-­Club-­Szene die Signale von oben offenbar sofort verstanden. Als im September 2018 auch die queerfeministische Gruppe Room 4 Resistance auf ihrer Facebook­-Seite die #DJsForPalestine-­Grafik teilte, reagierte der Berliner Club About Blank, in dem Klaus Lederer laut Betreibern gern tanzen geht, unverzüglich, sagte eine für drei Tage später angekündigte Party des Künstlerkollektivs ab und ließ es auf den bereits entstandenen Kosten sitzen. Boykottaufrufe gegenüber Israel hätten »antisemitischen Charakter« und seien mit der »Kauf­-nicht-­bei-­Juden-­Kampagne« der Nazis vergleichbar, ließ das About Blank vernehmen. Statt der angekündigten Veranstaltung fand eine Party unter dem Motto »Shit is fucked!« statt. Room-­4-­Resistance hat sich nicht beirren lassen: Das Kollektiv »steht für Solidarität mit dem palästinensischen Volk und dagegen, dass Kritik an dem Staat Israel und der Besatzung Palästinas mit Antisemitismus in Verbindung gebracht wird«, so seine Verlautbarung gegenüber M&R. »Wir hoffen, dass in Zukunft der Fokus mehr darauf gerichtet wird, allen palästinensischen Stimmen und Erfahrungen zuzuhören, und weniger Aufmerksamkeit jenen Institutionen und Locations geschenkt wird, die sich entschieden haben, Stimmen auszugrenzen, die an der Seite der Künstler, Aktivisten, Akademiker, Führung der Bürgerrechtsbewegung und aller stehen, die für die Gleichberechtigung der Palästinenser eintreten.«

Aber rechtsopportunistische Strömungen in der Club­-Szene begnügen sich nicht mehr mit Ausgrenzung – es geht um die Dämonisierung und Kriminalisierung zivilgesellschaftlichen Widerstands. Als Reaktion auf die Vorgänge in Berlin behauptete etwa das Leipziger Institut für Zukunft (IfZ), Akteure der Boykottkampagne stünden »Positionen der Terrororganisation Hamas nahe«. Während das ebenso in Leipzig beheimatete Kulturzentrum Conne Island kein Problem mit der Einladung eines Referenten hat, der gegen das »politische Linkskartell« mobilmacht und die AfD als »einzige Stimme der Restvernunft« bezeichnet, wurde bei einem Podiumsgespräch unter dem Titel »Kultureller Boykott Israels? #shitisfucked!« eine Diskussion mit BDS-­Aktivisten kategorisch ausgeschlossen. Mit von der Partie war auch Grünen­-Politiker Volker Beck, der forderte, dass »an BDS-­Organisationen, auch die, die nicht so heißen, aber real hauptsächlich von ihrer Identität welche sind, keine Räume« mehr vergeben werden sollen.

Raumverbote wie der Entzug der Auftrittsmöglichkeiten sind längst gängige Praxis des »German McCarthyism«, wie internationale Künstler und israelische Linke die zunehmend gründlichen Säuberungen der Popkulturlandschaft des Täterlandes von Gegnern der Besatzungs­ und Vertreibungspolitik der Netanjahu­-Regierung nennen.

»In Deutschland wächst eine brutale, feige drakonische Kultur schwarzer Listen«, warnte das Elektronik­-Avantgarde­-Projekt Jerusalem in My Heart Ende Januar und berichtete von wahllosen Antisemitismusvorwürfen, die als Aufhänger benutzt worden seien, einen bereits vereinbarten Auftritt in dem Leipziger Club Mjut abzublasen. Nicht anders erging es offenbar der US-­amerikanischen Musikerin Hiro Kone. Laut eigener Aussage durfte sie im Pracht, einem Club ebenfalls in Leipzig, nicht spielen, weil sie #DJsForPalestine angehört.

Ähnliche Erfahrungen hat die kanadische DJane Ciel im Hamburger Golden Pudel Club gemacht. Eine Crew namens Possy, die dort Partys organisiert, habe ihre »Show komplett gecancelt«, nachdem sie Headshell, einem anderen im Pudel­-Club aktiven Event-­Team, ein »sehr unprofessionelles Verhalten« bescheinigt hatte. Headshell hatte zwei früher von ihm selbst gebuchte #DJsForPalestine-Künstlerinnen namentlich in der Öffentlichkeit in die Antisemitenecke verfrachtet und damit, wie Ciel meint, regelrecht zur »Bepöbelung und Online-­Belästigung« der Musikerinnen »eingeladen« – was schließlich auch mit einer »bedrohlichen, militanten und chauvinistischen Rhetorik« stattgefunden habe. Einträge in der Kommentarspalte der Headshell-­Facebook­-Seite belegen ihre Aussage: »Die IDF [Israel Defense Forces] sind noch viel mächtiger, als BDS es je sein wird. Sie haben Panzer und Flugzeuge und sind in der Lage, euch in den Arsch zu treten, wann immer sie es wollen«, breitete ein Palästinenser­ und Linkenhasser seine auf den Nahen Osten projizierten deutschen Blitzkrieg­-Fantasien gegen die von Headshell an den Internet­-Pranger gestellten DJanes aus.

Der Golden Pudel Club indes sucht sein Heil in konformistischer Indifferenz und hat sich auf politische Tauchstation begeben. Die Betreiber seien nicht an ihrem Rausschmiss beteiligt gewesen, erklärt Ciel, aber sie vermutet, dass auch sie »gegen BDS sind, sich aber aus Angst, in der wachsenden Bewegung innerhalb der internationalen Elektro­-Szene Befremden auszulösen, dafür entschieden haben, zu diesem Thema zu schweigen – ohne irgendetwas zu unternehmen, um den Künstlerinnen zu helfen, die dem Blacklisting ausgesetzt wurden«. Diesen Eindruck bestätigt auch die Reaktion auf eine M&R-­Anfrage nach einer Stellungnahme des Golden Pudel Club: Man mauert, wiegelt ab, will nicht zitiert, am liebsten gar nicht genannt werden.

Nicht viel auskunftsbereiter präsentiert sich das IfZ in Leipzig: Man sei »nicht interessiert«, sich zu äußern, heißt es. Allein schon, dass die M&R­-Redaktion in ihrem Anschreiben in Bezug auf die Netanjahu­-Regierung den Begriff »Besatzungspolitik« verwendet habe, sei als »eine Tendenz« zu werten, auf die »wir keine Lust haben«, erklärt das IfZ. Eine Begründung, die Aufschluss gibt, wo der Verein politisch zu verordnen ist. Denn dass Palästina einem Besatzungsregime unterworfen ist, und zwar völkerrechtswidrig seit mehr als 60 Jahren – diese historische Tatsache bestreiten gewöhnlich nur fundamentalistische Christen, die ultrarechte nationalreligiöse Siedlerbewegung in Israel und prowestliche Faschisten weltweit.

Der Beitrag erscheint in der Melodie & Rhythmus 2/2019, erhältlich ab dem 22. März 2019 am Kiosk, im Bahnhofsbuchhandel oder im Abonnement. Die Ausgabe können Sie auch im M&R-Shop bestellen.

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