Melodie & Rhythmus

Raus aus dem Elfenbeinturm

24.02.2015 14:34

RLK
Foto: Andreas Domma

Unter dem Motto »Frieden statt NATO« setzte die XX. Rosa-Luxemburg-Konferenz Zeichen gegen Krieg und Imperialismus

Am Morgen des 10. Januar konnte man lange Warteschlangen vor der Berliner Urania sehen. Die von der Tageszeitung junge Welt mit Unterstützung von M&R, 30 Verlagen und Verbänden ausgerichtete Rosa-Luxemburg- Konferenz zog 2.300 Besucher an – ein neuer Rekord. In 14 Themenblöcken lieferten internationale Gäste Beiträge zu dem Motto »Frieden statt NATO«. Parallel fanden ein Jugendprogramm sowie eine Ausstellung der Gruppe Tendenzen statt: Unter dem Titel »Nein, wir wollen Eure Kriege nicht – eine bessere Welt ist möglich« waren Bilder und Skulpturen zu sehen.

Den Auftakt zur Konferenz bildete ein Konzert von The Pokes. Die Berliner Folk-Punk-Band mit starker Bühnenpräsenz konnte mit ihren gute Laune verbreitenden Songs (»Bottoms Up«) begeistern.

Im M&R-Podiumsgespräch betonte Chefredakteurin Susann Witt-Stahl die Notwendigkeit, auf die rapide voranschreitende Entdemokratisierung in der westlichen Welt zu reagieren. Sie zitierte Walter Benjamin, der in den 1930er-Jahren als ein zentrales Merkmal der Faschisierung einer Gesellschaft die »Ästhetisierung der Politik« genannt hatte. Die Antwort, die fortschrittliche Kräfte auf den Missbrauch von Kunst und Kultur als Instrumenten der Politik zu geben hätten, erinnerte Witt- Stahl an die damalige Forderung Benjamins, sei die Politisierung der Kunst.

Mit dem Hinweis, dass es gegenwärtig im Bereich Pop wohl kaum Projekte gibt, die Benjamins Imperativ mehr verkörpern als das Musiker-Kollektiv Banda Bassotti, eröffnete Witt-Stahl das Gespräch mit Mitgliedern der legendären italienischen Ska-Punk-Band. Banda Bassotti berichteten von ihrer »¡No pasarán!«-Tour, die sie im Spätsommer 2014 von Italien nach Russland und in die nicht anerkannten Volksrepubliken Donezk und Lugansk geführt hatte. »Wir wollten darauf aufmerksam machen, dass Nazis in Europa auf dem Vormarsch sind und niemand darüber spricht«, so Leadsänger Gian Paolo »Picchio« Picchiami. Was Banda Bassotti aus dem Kriegsgebiet zu berichten hatten, war erschreckend: Die Musiker sprachen von mordenden faschistischen Bataillonen, von Säuberungsaktionen, Massengräbern. Umso wichtiger sei es, waren sich alle Teilnehmer des Podiumsgesprächs einig, die zweite antifaschistische Karawane zu unterstützen, die die Band für Mai plant.

Für Picchiami steht fest: »Die Interessen der Kapitalisten sind das, was die Faschisten motiviert.« Das meint auch der Schauspieler Rolf Becker, der an einer Podiumsdiskussion zur Friedensfrage teilnahm. Becker verwies auf die Tatsache, dass die innere Logik des Kapitals unweigerlich nur zwei Lösungswege für die ökonomische Krise zulasse: Bestehende Märkte müssen gründlicher ausgebeutet oder neue erobert werden – letzteres bedeutet Krieg. Eine wirksame Friedensbewegung müsse also an den Eigentumsverhältnissen rütteln, forderte Becker und rief alle kritischen Künstler dazu auf, »aus dem Elfenbeinturm« zu kommen und antikapitalistische Politik zu machen.

Eine Musikerin, die das längst getan hat, ist Dota Kehr. Die »Kleingeldprinzessin«, über deren Lieder Die Zeit einmal schrieb, sie seien »so zärtlich, witzig und gesellschaftskritisch erzählt, wie es Tucholsky für die Zwanziger tat«, vereint in ihrem Werk Elemente von Jazz, Reggae, Folk und Tango. Die Texte sind verspielt, hintergründig, die Aussagen manchmal verklausuliert. In der Urania formulierte Dota Kehr ihr Anliegen aber ganz deutlich: »Eines Tages werden wir den Kapitalismus ad acta legen!«, rief sie. Das Publikum jubelte.

Dass das nicht automatisch geschieht, sondern gewaltiger Anstrengungen bedarf, lässt sich schon dem Text der »Internationalen« entnehmen, der Hymne der Arbeiterbewegung, die traditionell zum Ende der Konferenz von den Teilnehmern gemeinsam gesungen wird. In diesem Jahr stimmte Gian Paolo Picchiami sie an. »Uns aus dem Elend zu erlösen, können wir nur selber tun«, heißt es darin. Worauf warten wir?

Matthias Rude

Der Artikel erscheint in der M&R 2/2015, erhältlich ab dem 27. Februar 2015 am Kiosk, im Bahnhofsbuchhandel oder im Abonnement. Die Ausgabe können Sie auch im M&R-Shop bestellen.

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