M&R

Für den »kleinen Mann«

26.12.2016 14:41
Norbert Hofer (r.) zeigt auf einer Party der FPÖ, wo’s kulturell langgeht Foto: Alexander Schwarzl / DPA-Bildfunk

Norbert Hofer (r.) zeigt auf einer Party der FPÖ, wo’s kulturell langgeht
Foto: Alexander Schwarzl / DPA-Bildfunk

Der Kulturpolitische Horizont der FPÖ reicht nicht über Kürzungen und Ressentiments hinaus

Die österreichische Bundespräsidentenwahl nahm ein glimpfliches Ende: Der in erster Linie von den Grünen unterstützte Alexander Van der Bellen konnte den deutsch-nationalen Burschenschafter Norbert Hofer von der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) besiegen. Im längsten Wahlkampf der österreichischen Geschichte wurde auch ein früherer Dauerbrenner des FPÖ-Feindbildrepertoires aus der Rumpelkammer geholt – der Kampf gegen eine »linke Kulturschickeria«, die sich als Teil eines »Establishments« für Van der Bellen engagierte. Mutmaßlich nur, um ihre eigenen Pfründe, sprich Subventionen, geschützt zu wissen. Und das alles zu Lasten jenes »kleinen Mannes«, dessen Alleinvertretungsanspruch die FPÖ für sich reklamiert.

Deren Larmoyanz hat ihren Grund. Schon viele Jahre nicht mehr hatten sich so viele österreichische Kulturschaffende in einem Wahlkampf zu Wort gemeldet. Schauspieler und Musiker der alten Garde, wie Rainhard Fendrich oder Hubert von Goisern, und – deutlich weniger – junge, wie etwa Conchita Wurst, hatten Van der Bellen unterstützt und vor Rassismus gewarnt. Die Blauen tobten. Insbesondere das Engagement Fendrichs, dessen patriotisches Liedgut à la »I Am from Austria« auch von der FPÖ genutzt wurde, schmerzte.

In ihrem Parteiprogramm ist die Kultur der FPÖ nur wenige schwammige Sätze wert: »Unsere abendländische Kultur ist reichhaltig und vielfältig. Sie verbindet die europäischen Kulturnationen«, heißt es da. Und folgerichtig gilt es, »die freie Weiterentwicklung unserer eigenen Kultur zu ermöglichen und unsere Muttersprache als wichtigstes kulturstiftendes Element zu schützen«. Was genau »unsere eigene Kultur« denn ist und vor welchen Bedrohungen es »unsere Muttersprache« zu schützen gilt, wird nicht näher ausgeführt. Wo die FPÖ mitregiert, werden Kultursubventionen gekürzt. Betroffen sind in erster Linie die freie Szene und Kulturvereine von Migranten. Im oberösterreichischen Wels, der derzeit größten Stadt mit FPÖ-Bürgermeister, wurden dieses Jahr den Jugendkulturvereinen pauschal 10 Prozent gestrichen. Dafür gab es erstmals 10.000 Euro fürs »Volkstanzen«. Da mangels Interesse aber gar kein passender Verein existiert, wurde das Geld an eine kommerzielle Tanzschule für die Abhaltung entsprechender Kurse weitergeleitet. Ein vielleicht noch schwererer Schlag ist die Schließung der Jugendherberge, die sich auf dem Gelände des relevantesten Welser Kulturzentrums befindet.

Während die FPÖ in Wels und im Land Oberösterreich mit der konservativen ÖVP einen willfährigen Koalitionspartner hat, setzt man in der benachbarten Landeshauptstadt Linz Kürzungen im Kulturbereich auch gemeinsam mit der Sozialdemokratie durch. Der Rotstift wird angesetzt beim Linz-Fest, beim Musikschul-Budget, bei den Bibliotheken und dem erst im Kulturhauptstadtjahr 2009 eröffneten Atelierhaus, das seinen Betrieb sogar komplett einstellen soll. Aber die FPÖ stößt auch an Grenzen: In Wels hätten Kindergartenkinder verpflichtend jeweils fünf deutsche Gedichte und Lieder lernen sollen. Nach bundesweiter Erheiterung verschwand der Entwurf für eine entsprechende Verordnung wieder in der Schublade.

Thomas Rammerstorfer, Wels

Der Beitrag erscheint in der Melodie und Rhythmus 1/2017, erhältlich ab dem 30. Dezember 2016 am Kiosk, im Bahnhofsbuchhandel oder im Abonnement. Die Ausgabe können Sie auch im M&R-Shop bestellen.

Ähnliche Artikel:

Anzeigen

Jetzt am Kiosk

logo-373x100
Facebookhttps://www.facebook.com/melodieundrhythmus20Twitter20rss

M&R 3/2017

Cover-mr-3-2017

Titelthema:
FREIHEIT UND DEMOCRACY



Inhaltsverzeichnis

Jahresabo bestellen
Einzelheft bestellen

Kiosk finden

Jetzt bestellen: »Mich rettet die Poesie«

Ein Film von Dror Dayan & Susann Witt-Stahl

Weitere Informationen

Jetzt bestellen: M&R-Shop

M&R Aktuell

zuckermann

Deutsche Abgründe


Ein kleiner Schritt für Frankfurts Bürgermeister, ein großer Sprung für deutsche Normalisierer: Uwe Becker (CDU) demonstriert neues-altes Selbstbewusstsein und erklärt jüdische und andere Israelkritiker kurzerhand für »nicht willkommen« in seiner Stadt. Zu den unerwünschten Personen gehört der israelische Historiker und Sohn von Holocaust-Überlebenden Moshe Zuckermann, der in Frankfurt aufgewachsen ist. M&R bat ihn um eine Replik.

»Entscheidend ist, welche Haltung wir einnehmen«


Gespräch mit Susann Witt-Stahl. Über Gegenkultur, Ideologiekritik und notwendige neue Impulse für den Kulturjournalismus
Aus: junge Welt vom 25.03.2017, Wochenendbeilage
Anzeige junge Welt
flashback

Aktuelle Ausgabe bestellen*

1. per Mail: abo@melodieundrhythmus.com
2. per Telefon: 030/ 53 63 55 37
3. per Telefax: 030/ 53 63 55 51
4. per Post: Verlag 8. Mai GmbH, Torstr. 6, 10119 Berlin
5. im M&R-Shop

*Preis 6,90 Euro inkl. 7% MwSt. zzgl. Versand 1,80 Euro

Ältere Ausgaben im M&R-Shop nachbestellen.
M&R Shop

Melden Sie sich für unseren Newsletter an

M&R im Interview

Gespräch mit Susann Witt-Stahl:
Kritischer Musikjournalismus in ideologisch angespannter Zeit.

Interview lesen
 
Gespräch mit Susann Witt-Stahl:
Über die neu ­gestaltete Musikzeitschrift Melodie und Rhythmus, Walter Ulbricht und Iron Maiden, Rock’n’Roll und Krieg, marxistische Ästhetik und Neoliberalismus, Straßen-Rap und Adorno.

Interview lesen
 
"Wir frönen nicht irgendeiner Nostalgie"
Ein politisches Musikmagazin mit DDR-Wurzeln erfindet sich neu: Melodie & Rhythmus (M&R) hat seinen Look und seine Inhalte überarbeitet. medienmilch.de sprach mit der Chefredakteurin Susann Witt-Stahl über die Details: Interview lesen
 
• Wie sich Musik und Politik vereinbaren lassen, behandelt das Magazin “Melodie & Rhythmus” in seiner aktuellen Ausgabe. Radio F.R.E.I. hat mit der Chefredakteurin Susann Witt-Stahl gesprochen.
Radiointerview anhören