Melodie & Rhythmus

Rettung der Besiegten

11.06.2019 13:24
Foto: Fox Lorber

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Gespräch mit Enzo Traverso über linke Melancholie in der Geschichtsphilosophie und Kunst

Agenda Aufklärung wider den reaktionären Zeitgeist. Wir geben uns die Ehre und bitten Künstler und Intellektuelle zum Kritischen Duett mit der M&R-Redaktion zu einem aktuellen Thema.

Der italienische Historiker Enzo Traverso ist in Deutschland vor allem durch seine kritischen theoretischen Abhandlungen über die Moderne, Gewalt und Faschismus, die Geschichte der Juden in Europa und der Linken bekannt. Sein 2019 erschienener Band »Linke Melancholie. Über die Stärke einer verborgenen Tradition« nötigt geradezu dazu, endlich einmal über die kollektive Trauer-Verarbeitung der Linken nach ihren schweren Niederlagen unter der bürgerlichen Herrschaft zu reden. Das Gespräch führte Susann Witt-Stahl.

Als die Sowjetmacht während des Russischen Bürgerkriegs bedroht war, seien die Bolschewiki »vom Geist der Pariser Commune heimgesucht« worden, heißt es in Ihrem Buch. Das geschärfte Bewusstsein für die Gefahr der Vernichtung habe den Willen zum Widerstand gestärkt. Von welchem »Geist« ist die marxistische Linke heute umgeben, die seit 1989 ohne politischen und ökonomischen Schutzraum dasteht?

Die Bolschewiki waren sich sehr bewusst, dass sie in einer revolutionären Tradition standen. Ihre Taten waren in eine historische Sequenz eingeschrieben; sie hatten eine Abstammung. Heute scheint es mir nicht mehr so, dass die radikal linken Bewegungen ein ähnliches historisches Bewusstsein haben; das ist wahrscheinlich einer der größten Unterschiede zu ihren politischen Vorfahren. Die arabischen Revolutionen, Occupy Wall Street, die Indignados, Nuit debout und andere Bewegungen der letzten Dekade hatten zwar ein enormes Potenzial, aber keinen »Stammbaum«. Auf der einen Seite war das ihre Stärke, weil sie nicht durch die Niederlagen der Vergangenheit belastet waren − sie fühlten sich frei, neue Wege zu erkunden. Auf der anderen Seite machte es auch ihre Schwäche aus, weil sie extrem zerbrechlich und verwundbar waren; im 20. Jahrhundert hatten die linken Aktivisten noch das Gefühl gehabt, einer historischen Bewegung anzugehören, die ihre Kämpfe transzendierte − das gab ihnen eine unglaubliche Kraft.

Die »Schwäche« zumindest der revolutionären Linken heute, sagen Sie, werde von einer allgegenwärtigen und gleichzeitig unterdrückten »Melancholie der Niederlage« begleitet. Wie ist das zu verstehen?

Die Melancholie der Niederlage ist weder neu, noch tritt sie unerwartet zutage. …

Der komplette Beitrag erscheint in der Melodie & Rhythmus 3/2019, erhältlich ab dem 14. Juni 2019 am Kiosk, im Bahnhofsbuchhandel oder im Abonnement. Die Ausgabe können Sie auch im M&R-Shop bestellen.

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