Melodie & Rhythmus

Charity-Events

25.08.2015 15:29
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Wahre Hilfe oder raffinierte Promi-Imagekampagne?

Vor 30 Jahren, am 13. Juli 1985, fand das bis dahin größte Rock-Event der Geschichte statt: Live Aid. Bei dem maßgeblich von Bob Geldorf organisierten Benefizkonzert traten in London und Philadelphia internationale Topstars auf. Anlass war die Hungersnot in Äthiopien. Anders als bei (sub-)kulturellen Veranstaltungen, die im Zeichen von Solidarität mit dem Ziel der Selbstermächtigung der Notleidenden stehen und deren Erlös ebenfalls gespendet wird, handelte es sich um ein riesiges Medienspektakel, das fast 1,5 Milliarden Menschen erreichte. Kritiker der Aktion und ähnlicher Konzerte, die folgen sollten, meinten, den Musikern gehe es in erster Linie um Publicity. Der Titel des Debüt-Albums der Band Chumbawamba »Starving Children Sell Records« brachte die Kritik ein Jahr später auf den Punkt. Wir lassen die These diskutieren:

Charity-Events sind in erster Linie eine geschickte Form der Vermarktung

PRO

Wohlfühlkapitalismus

Es ist kein Geheimnis, dass Stars ihre Popularität steigern können, wenn sie neben ihrer Musik auch ihr Helferherz gut vermarkten. Keine Ausgabe von Gala, Bunte, und wie sie alle heißen, ohne Fotostory über die Botschafterinnen und Botschafter der »guten Sache«. Und natürlich folgen viele Popstars dabei dem Rat ihres Managements, die Veröffentlichung ihres neuen Albums mit einer Reise nach Kenia oder auf die Philippinen zu verbinden. Das ist imagefördernd und kann neue Werbeverträge bringen: Bob Geldorf ist als Person noch immer verschmolzen mit dem von ihm vor 30 Jahren initiierten Ereignis Live Aid.

Aber ist das ein Problem? Als Mitarbeiterin einer Hilfs- und Menschenrechtsorganisation, die wie alle anderen auf Unterstützung und Spenden angewiesen ist, liegt es mir fern, Popstars das Recht abzusprechen, sich gegen Ausbeutung oder Ungleichheit zu engagieren. …

Anne JungAnne Jung arbeitet in der Öffentlichkeitsabteilung bei der sozialmedizinischen Hilfs- und Menschenrechtsorganisation medico international. Ihre Arbeitsbereiche sind u.a. Gesundheit und Entschädigungsdebatten. In den letzten Jahren reiste sie nach Sierra Leone und Simbabwe. Foto: Boris Schöppner

CONTRA


Effektive Hilfe

Unbekannte Künstler ziehen kein Publikum an. Veranstaltungen mit ihnen bewirken keine Artikel in der Tagespresse, keine Resonanz in den sozialen Netzwerken. Insofern wäre es falsch zu sagen, dass Künstler oder Labels Charity nur machen, um bekannt zu werden; im Gegenteil nutzen sie ja ihre bereits vorhandene Bekanntheit, um Gutes zu tun. Das ist oft sehr viel Arbeit, die mitunter in der Freizeit geleistet wird. Wenn dafür dann ein bisschen Publicity für den Künstler abfällt – nach dem Motto: tue Gutes und sprich darüber –, dann ist das doch völlig okay.

Natürlich muss man sehen, dass Charity oft auch ein hartes Business ist. So ist etwa die Spendenbereitschaft in der Gesellschaft immer abhängig von der direkten Sicht auf die Opfer, beispielsweise auf hungernde Menschen oder kranke Kinder. Leider muss man, um den Bedürftigen die Hilfe zukommen zu lassen, sie auch in den Medien vorstellen. …

Juergen R. GrobbinJürgen R. Grobbin ist Geschäftsführer der Labels Idee Medien Records und SchlagerMacher Records und selbst im Charity-Bereich tätig: Er und die Mehrzahl seiner Künstler setzen sich seit vielen Jahren im Rahmen von ICH – Inter-NATIONAL CHILDREN Help e.V. für Kinderhilfe ein. Foto: privat

Die komplette Debatte lesen Sie in der Melodie und Rhythmus 5/2015, erhältlich ab dem 28. August 2015 am Kiosk, im Bahnhofsbuchhandel oder im Abonnement. Die Ausgabe können Sie auch im M&R-Shop bestellen.

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