Melodie & Rhythmus

Podium IV: »Im Vergangenen den Funken der Hoffnung anfachen« − Erinnerungskultur als Akt der Rettung

14.05.2019 21:13

Fortschrittliche Künstler und Intellektuelle betrachten Geschichte nicht museal als Abgeschlossenes. Sie begreifen die Vergangenheit als untrennbar mit dem Heute Verbundenes, das wiederbelebt werden und die Gegenwart verändern kann. Werke wie »Gedenkblatt für Karl Liebknecht« von Käthe Kollwitz oder Alfred Hrdlickas dem antifaschistischen Widerstand gewidmete Skulptur »Marsyas« bilden die Antithese zu bürgerlicher Nostalgie und rechtem Mythos, denn sie halten ein revolutionäres historisches Bewusstsein wach, das den Besiegten, aber nicht Widerlegten, die gescheitert sind, gedemütigt, gequält und dem Vergessen ausgeliefert wurden, die Treue hält, ihren Idealen neues Leben einhaucht und sie aktualisiert: Erinnerung wird zum Akt der Rettung für die Gegenwart und eine befreite Zukunft – zum Funken, der »den Sprengstoff, der im Gewesenen liegt«, zur »Entzündung« bringt, wie Walter Benjamin in seinem »Passagen-Werk« schrieb. Heute mahnt sie vor allem zur Verteidigung der getöteten Besiegten und anderer Opfer des Terrors der Herrschenden, die immer skrupelloser für die Konditionierung zum Konformismus, falsche Versöhnung mit der kapitalistischen Weltordnung und kommerzielle Ausschlachtung in der Kulturindustrie vereinnahmt werden: von der Sozialdemokratisierung der Kommunistin Rosa Luxemburg bis zum Verramschen von Che Guevara als Posterboy. Zur Perversion getrieben wird der Imperativ »Erinnere dich!«, wenn die Opfer von Holocaust, Verfolgung und Krieg als »Argument« für imperialistische Raubzüge herhalten müssen. »Auch die Toten werden vor dem Feind, wenn er siegt, nicht sicher sein. Und dieser Feind hat zu siegen nicht aufgehört«, heißt es in Benjamins geschichtsphilosophischen Thesen. Was tun, wenn die Feinde derart mächtig sind, dass sie sogar ungehindert die von ihren politischen Vorfahren Ermordeten für neofaschistische Lügenpropaganda instrumentalisieren können − wie es unlängst der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro in Yad Vashem gewagt hat? Ist es heute überhaupt noch möglich, eine authentische (Klassen-)Erinnerung an die Besiegten und Unterdrückten zu bewahren und, wie von Benjamin gefordert, »im Vergangenen den Funken der Hoffnung anzufachen«, die zur Erfüllung im Reich der Freiheit treibt?

Es diskutieren:
Esther Bejarano (Sängerin)
Erich Hackl (Schriftsteller)
Moshe Zuckermann (Kunsttheoretiker)
Moderation: Susann Witt-Stahl (Chefredakteurin Melodie & Rhythmus)

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