Melodie & Rhythmus

Stellenausschreibung: Kulturredakteurin/Kulturredakteur

zum nächstmöglichen Zeitpunkt, spätestens ab 1. September 2018

Die Waffe der Kritik braucht ein Magazin.

Neuer Kurs: 1.700 neue Abonnenten bis Jahresende!

Erich Schmeckenbecher (Zupfgeigenhansel)
Liedermacher

Foto: H. Minch

Foto: H. Minch

Als Friedrich Schiller im Mai 1798 in Jena seine akademische Antrittsvorlesung hielt, referierte er über den sogenannten »brotgelehrten« Wissenschaftler, der nicht für die Wissenschaft, sondern ausschließlich von ihr leben möchte. Der berufliche Ehrgeiz ist also mehr auf Fürstenlob, Zeitungslob und Gold ausgerichtet als auf die Forschung selbst. Sie ist dabei lediglich Mittel zum Zweck und so beliebig dehnbar.

Inzwischen sind bald 230 Jahre vergangen, und es wimmelt heute nur noch so von »Brotgelehrten«. In allen Berufen. Freilich auch in der Kultur. Sie ist inzwischen still und leise längst auch zur käuflichen Ware mutiert, in der es nahezu nach dogmatisch religiösen Maßstäben, fast nur noch um Verkaufszahlen, sprich »Gold«, »Zeitungslob« und »Fürstengunst« geht − also um die Gunst der Mächtigen. Dort beherrscht die Quote als Götterspeise den Speiseplan mit der Glotze als Altar und den entsprechenden Promis als Priester. Sie dienen als Zwischenwirt und Trichter auf dem Weg zum privaten Konto einiger weniger. Das dort Genehme wird dann produziert, bepreist und promoted, bis der Arzt kommt. Und dann selbstverständlich gemolken, bis die Kuh tot umfällt.

Ob mit Charity, mit menschenverachtenden, rassistischen, sexistischen, brutalen oder einfach nur brunzdummen Inhalten, ist völlig egal. Die Kollateralschäden auch. Kultur wird heute nach radikaler Marktförmigkeit mit größtmöglicher gemeinsamer Oberfläche bemessen. Nicht aus demokratischen Gesichtspunkten, sondern aus kommerziellen. Große Auflage = große Kunst! Punkt!

»Wollt ihr Tonträger verkaufen oder Kunst machen«, war schon in den 80ern des letzten Jahrhunderts die wichtigste Frage in den Chefetagen fetter internationaler Major-Schallplattenfirmen. Adornos Résumé über Kulturindustrie war (und ist) dort selbstverständlich völlig unbekannt. Und wenn es doch bekannt war, so wurde die Abhandlung entweder total ignoriert, bis aufs Blut bekämpft, verleumdet, verlacht, oder man war intellektuell damit völlig überfordert.

Dass aber gerade sich diese radikale Marktförmigkeit mit rechtsextremem Gedankengut auf Augenhöhe befindet, ist längst wissenschaftlich erwiesen. Mehr noch: Sie dient geradezu als Nährboden für Hass, negative Vergesellschaftung (Rassismus), Wut auf Anderes, pseudo-völkisch Identitäres, Nationalistisches usw. Das eigene Geschäftsmodell geht über alles. Freiheit als Waffe gegen die Demokratie, in der die Menschen mit Konsum komplett plattgekloppt, endlich wieder bereit sind, gefügig einem alleinherrschenden Alleswisser zu folgen. Ganz nach US-amerikanischem (oder türkischem) Vorbild.

Öffentlich-rechtliche Medien, also WIR (der Staat) schützen, fördern und verbreiten die Mainstream-Industrie aus Gründen der »Demokratie«. »Die Mehrheit der Menschen in diesem Lande wollen das haben …«, so die These. Der eigentlich gesetzlich verankerte kulturelle Auftrag wandert so ganz pragmatisch über die Quote an den Katzentisch und wendet sich gegen sich selbst. Und Kultur blüht nur noch als »romantische« Idylle, als Wohlfühloase, als Massenprodukt und Geldmaschine der Macher in den Kampfschunkelarenen jeglicher Art. Dabei ist der Begriff »romantisch« ganz bewusst und schon längst durch schlichte Umdeutung vereinnahmt, zurechtgestutzt und auf das Nutzbare im trügerischen Mantel einer Pseudo-Wahrheit verkommen − alles nur dem »Volk« zuliebe?

Kultur gedeiht aber nicht durch marktförmiges Mehrheitsgesülze. Das wäre ihr Ende. Denn Kultur, also Romantik, ist nichts weiter als »harte Arbeit an der Bedeutsamkeit der Welt mit den Mitteln der Fantasie (Jürgen Goldstein)«. Eine individuelle Leistung. Sie hat den Auftrag, sich persönlich auf die Suche nach Neuem, nach einer besseren Welt − nicht nur für sich selber, sondern für alle − zu beschäftigen und Vorschläge zu machen.

Das Interesse, hinter den Vorhang zu schauen, um eben die ganze Wahrheit zu ergründen, also eine romantische Sicht auf die Dinge zu haben, ist aus der Mode gekommen (worden) und für eine erlebnisorientierte, verwertbare Welt der profitablen Idylle zugerichtet und eingedampft. Es blüht das pragmatische »Wahr ist, was mir nutzt«. Überall. Alleinherrschend. Auch politisch. Die Brotgelehrten samt dem daraus resultierenden Populismus mit ihren niederträchtigen Speerspitzen lassen international grüßen.

Wir erleben seit Jahrzehnten diese Vervielfältigung der Einfalt in immer radikaler werdender Art und Weise auf breitester Basis. Inzwischen blüht auf diesem Mist eine ungehemmte Niedertracht − egal, wohin man schaut. Faktenfern. Von narzisstischer Gier getrieben.

Die Nischen für Widerspruch, für Alternatives werden immer kleiner, wenn möglich komplett verdrängt oder aus ideologischen Gründen regelrecht systematisch ausgetrocknet. Die Ökonomie des »freien Marktes« bestimmt über die Existenz. Ausschließlich! Ohne Moos nix los.

Konkurrenz belebt hier nicht, wie immer behauptet. Sie tötet. Sie belebt lediglich ein sogenanntes »bürgerlich-nationalistisches Erwachen«, das Wohlgefühl von Spießern, die sowieso zu allem Relativen ein absolutes Verhältnis haben.

Und da bin ich nun beim Thema Melodie & Rhythmus. Ich habe gleich mal ein Abo auf unbestimmte Zeit abgeschlossen! Denn wer in marktradikalen Zeiten wie diesen nicht nur brotgelehrte Zeitschriften lesen möchte, wer Meinungsvielfalt und Widerspruch haben will, der muss das tun!

M&R war hier immer Vorbild, Sand im Getriebe, eine Ausnahme. Romantisch im eigentlichen Sinne. Und so soll es auch bleiben.

»Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd«, sagt ein asiatisches Sprichwort.

Ich bin gerne bereit, mit einem Abo schnell wieder in den Sattel zu helfen.

Also, ihr Leute da draußen! Was ist mit euch? Abonniert und helft, damit wenigstens etwas Vielfalt in dieser immer weiter sprießenden Welt der Einfalt erhalten bleibt!

Sehen Sie am Montag an dieser Stelle das Statement von Erich Schaffner.

Alle bisher veröffentlichten Stellungnahmen von Künstlern und Intellektuellen finden Sie hier.

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