Melodie & Rhythmus

Revolution auf Rädern

26.09.2017 14:36
»Klassenkampf statt Weltkrieg«: 2015 fuhr der Aktionszug von Berlin nach Warschau Foto: Aktionsbüro »das Begräbnis oder die HIMMLISCHEN VIER«

»Klassenkampf statt Weltkrieg«: 2015 fuhr der Aktionszug von Berlin nach Warschau
Foto: Aktionsbüro »das Begräbnis oder die HIMMLISCHEN VIER«

Ein kommunistisches Straßentheater erinnert in Russland an welthistorische Wendepunkte

Die Initiative Revolution statt Krieg begeht den 100. Geburtstag der Oktoberrevolution mit einem außergewöhnlichen Kultur-Projekt. Ein rollendes Straßentheater macht sich auf den Weg nach St. Petersburg, das für die Aktivisten Leningrad ist und bleibt. Mit dabei: fünf Militärlaster, die die wichtigsten Etappen der Revolution symbolisieren.

Die alten, aufwendig restaurierten Lkw, die aus dem Fundus der Bundeswehr und der NVA stammen, haben viel aushalten müssen. Sie versinnbildlichten schon Bertolt Brechts Gedichte »Der anachronistische Zug« und »Legende vom toten Soldaten«. 2005 wurde »Das Begräbnis oder DIE HIMMLISCHEN VIER« auf die Straße gebracht. Dabei bezeugten Veteranen der Anti-Hitler-Koalition den Sieg über die Nazis durch ihre Mitwirkung. Zum 75. Jahrestag des Münchner Abkommens 2013 rollten die Wagen von der bayerischen Landeshauptstadt nach Prag. 2015, zum 70. Jahrestag des Kriegsendes, ging es von Berlin nach Warschau. Stilisiert mit dabei: Angela Merkel auf einer Rakete als Kriegerin und ein Krokodil, das Beutekunst verschlang.

Dieses Jahr sollen die fünf Lastwagen des Aktionszuges nach Russland darstellen, wie sich revolutionäre Bestrebungen historisch entwickelten. Allen voran fährt stolz die Pariser Kommune. Ihr Symbol: eine nachgebaute Kanone von 1871. Ihr folgt die russische Oktoberrevolution. Für sie steht das Kriegsschiff Aurora, dessen Kanone einst das Signal für den Sturm auf das Winterpalais gab. Dahinter fährt ein Traktor als Zeichen des »Aufbaus des Sozialismus«. An vierter Stelle repräsentiert ein legendärer Panzer T-34 den Sieg der Roten Armee. Der letzte Lkw feiert Revolutionen nach 1945 und ist dekoriert mit Bildern von Mao, Ho Chi Minh und anderen.

»Uns geht es um die Aussage, dass nur die Revolution Kriege stoppt«, erklärt Franz Hohn, einer der Mitwirkenden, und erinnert an die roten Fahnen, die sie 2017 vor dem Bayerischen Landtag wehen ließen – zum ersten Mal seit Kurt Eisners Zeiten. Die Aktivisten betrachten sich als Agitatoren. Es gehe keineswegs um Nostalgie, man wolle von damals für heute lernen. Ihre These lautet: Der Hauptfeind steht im eigenen Land.

Für den Auftritt in St. Petersburg wurde ein internationales Bündnis geschmiedet, dem kommunistische Organisationen aus Deutschland, Tschechien, Polen und Russland angehören. Aus der Russischen Förderation beteiligen sich die Union der Kommunisten, die Russische Kommunistische Arbeiterpartei (RKRP-KPSS) und die Vereinigte Kommunistische Partei. Heinz Klee, der das Aktionsbüro der internationalen Antikriegsaktion »Das Begräbnis oder DIE HIMMLISCHEN VIER« leitet, hat sie in Moskau zu Absprachen getroffen. »Unsere Partnerorganisationen arbeiten dort unter schweren Bedingungen und sind zersplittert«, erklärt er.

Tatsächlich befinden sich die Aktivisten dort halb im Untergrund. »Wir freuen uns auf den Besuch. Was wir heute brauchen, ist genau diese Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart, um Lehren daraus zu ziehen«, erklärte die RKRP-KPSS gegenüber M&R. Ein Vertreter der Union der Kommunisten ergänzt: »Das Arbeitertheater hat hierzulande eine große Tradition. Wsewolod Meyerhold zog Massen an mit dem ersten Arbeitertheater des Proletkults, an dem sich Sergei Tretjakow und Wladimir Majakowski beteiligten. Politik und Kultur gehören zusammen.« Das ist ganz im Sinne von Heinz Klee: »Wir gehen zu den Massen auf die Straße, um sie zu erreichen. Damit sie zu uns kommen.« Bis dato haben rund 200 Personen angekündigt, sich anzuschließen.

Was genau vom 3. bis 7. November in St. Petersburg passieren soll, steht noch nicht fest. Sicher aber ist, dass Musik eine große Rolle spielen wird – inklusive »Die Internationale« auf Französisch. Franz Hohn übt eifrig »Pobjeda« (Sieg) auf Russisch, ein Lied von 1941, als die Faschisten vor Moskau zurückgeschlagen wurden. »Von unseren russischen Partnern erfuhren wir, welche Stücke noch bekannt sind. Denn wir möchten genau die anstimmen.«

Und falls es zu Problemen in Russland kommt? »Die kann es sicher geben«, meint Heinz Klee. »Wir arbeiten an einem Plan B.«

Claudia Schuller

Link: klassenkampf-statt-weltkrieg.de

Der Beitrag erscheint in der Melodie & Rhythmus 4/2017, erhältlich ab dem 29. September 2017 am Kiosk, im Bahnhofsbuchhandel oder im Abonnement. Die Ausgabe können Sie auch im M&R-Shop bestellen.

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