Melodie & Rhythmus

»Zauberkisten«

28.10.2015 10:56
Foto: Tom America

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Emanzipation durch elektronische Musikproduktion?

Gerfried Tschinkel

Viel ist heute von einer Demokratisierung der Musik die Rede. Jeder könne mit nicht allzu hohen Ausgaben Musik in Heimarbeit produzieren. Mit einem Computer und der entsprechenden Software. War vor einigen Jahren noch ein aufwändiges Equipment nötig, bietet der Computer heute vielfältige Möglichkeiten, Musik auf sehr hohem Niveau spielerisch selber zu machen. Hat somit eine Emanzipation durch die Technik stattgefunden, so dass sich potenziell jeder musikalisch ausdrücken und sich dadurch selbst verwirklichen kann?

Klar ist, dass sich auf dem Gebiet der elektronischen Musikproduktion in den vergangenen Jahrzehnten einiges bewegt hat. Ging es anfangs noch um die Imitation klassischer Instrumente, definiert heute die elektronische Musik ein eigenes Klanguniversum. Die Leistungen von Avantgarde-Künstlern gingen in die moderne Technik ein. Hinzu kommt, dass die heutige Computersoftware beinahe ein komplettes Studio ersetzt. Ein Computer, auf dem ein Software-Sequenzer – »DAW« (Digital Audio Workstation) genannt – läuft, hat nicht nur die Bandmaschine im Studio überflüssig gemacht, sondern schafft auch alle Voraussetzungen für die Produktion zu Hause. Die DAW integriert Mischpult, Effekte sowie verschiedenste Instrumente. Die Programme heißen Ableton, Cubase, Logic, Pro Tools usw.

Lego spielen

Dadurch, dass bei der elektronischen Musikproduktion viele Abläufe vereinfacht sind, kann der Einzelne bequem in der Freizeit und ohne große Anstrengung ans Werk gehen. Man muss dazu kein Instrument beherrschen. Es reicht, mit der Maus Noten einzuzeichnen. Indem man Clips kopiert und aneinanderreiht, entsteht ein ganzer Song, ohne ihn »einspielen« zu müssen. Verwendet man Presets und fertige Samples für den Sound, mag man sich zwar frei in der Gestaltung fühlen und sich mit dem Ergebnis identifizieren, letztlich handelt man jedoch nur im Rahmen des Vorgegebenen und als braver Konsument. Aber auch Profis greifen regelmäßig auf Vorlagen zurück. Dass man damit Erfolge feiern kann, hat nicht zuletzt das Produzenten-Duo Klangkarussell mit »Sonnentanz« bewiesen. »Die Leute bauen heutzutage irgendwelche Klangklötze zusammen wie Lego-Steine, das ist alles aus vorgefertigten Sounds«, stellt Alec Empire fest, Frontmann der Gruppe Atari Teenage Riot und Gründer des Labels Digital Hardcore Recordings. »Alle benutzen dieselben Sound-Bibliotheken.« Elektronische Musik sei »oft nicht mehr Ausdruck einer Persönlichkeit, eines Musikers – und daran ist die Technologie schuld«.

Andererseits weiß jeder, der Musik macht, dass sich Stücke nicht von selbst schreiben, und will man dem Computer den gewünschten Sound entlocken, gehört einige Übung dazu. Auch wenn man Presets benutzt, heißt das nicht, dass der fertige Track deshalb schlecht sein muss. Es kommt letztlich darauf an, wie man die Presets einsetzt, in welchem Verhältnis sie zum gesamten Mix stehen und ob sie die entsprechende Wirkung entfalten. Der technische Fortschritt habe dazu geführt, so der Musikwissenschaftler Wolfgang Martin Stroh, dass Musik spielerisch gemacht werden kann, dass der Mensch ohne Ausbildung musikalisch tätig sein kann. Andererseits aber scheine Selbstverwirklichung überhaupt erst dann möglich, wenn sich der Einzelne auch entsprechend anstrengt, das Bestmögliche aus der Technik herauszuholen, und wenn er eigene Ideen so verarbeitet, dass etwas entsteht, das sich von anderem abhebt.

Den kompletten Artikel lesen Sie in der Melodie und Rhythmus 6/2015, erhältlich ab dem 30. Oktober 2015 am Kiosk, im Bahnhofsbuchhandel oder im Abonnement. Die Ausgabe können Sie auch im M&R-Shop bestellen.

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