Melodie & Rhythmus

Der unheimliche Aufmarsch

10.09.2019 14:16

editorial

Bis in unsere Gegenwart stellt man sich eine Konterrevolution als Krieg oder blutigen Putsch vor. Die erschütternden Ereignisse in Chile 1973 haben sich weltweit ins kollektive Gedächtnis der Linken eingebrannt. Heute sind wir mit einer regelrechten Lawine von verheerenden Auswirkungen konterrevolutionärer Umwälzungsprozesse konfrontiert, und anders als zur Zeit des Kalten Krieges gibt es keinen Osten mehr, in den Linke fliehen und eine Verteidigungslinie bilden könnten.

Der »Stoß ins Herz der Revolution«, wie Erich Weinert Ende der 1920er-Jahre den Auftrag des Kapitals an die »faschistischen Räuberheere« in seinem Lied »Der heimliche Aufmarsch« beschrieben hatte, konnte damals vor allem von der Roten Armee vereitelt werden. Als er rund 60 Jahre später doch noch gelang, waren es ein globales Netz von Denkfabriken wie der Mont Pèlerin Society, in denen eine Armada von Ideologen aus Wissenschaft und Politik herangezüchtet worden war, Konzernmedienimperien, die die schon während des Zweiten Weltkrieges gestreute Saat des Neoliberalismus hatten aufgehen lassen.

Schon 1972 hatte Herbert Marcuse vor »präventiven Konterrevolutionen« gewarnt, die der Kapitalismus lostritt, sobald sein Expansionsdrang nicht mehr durch normale Marktentwicklung befriedigt werden kann. Sie gipfeln nicht selten in der Errichtung eines autoritären Staates. Meist dann, wenn die »verlockenden Angebote« der Konsumgesellschaft Not und Elend nicht mehr übertünchen können.

Heute ist mehr ein unheimlicher Aufmarsch in Gange. Längst bedarf es keiner systemgefährdenden »Feinde« mehr, Kommunisten oder Sozialisten, um brutal »zurückzuschlagen«. Und das tun die Herrschenden immer seltener mit offenem Visier. Schon seit Jahrzehnten kommen ihre konterrevolutionären Vorstöße als »Terror- und Extremismusbekämpfung«, über NGOs für »Menschenrechte«, als »Arbeitsmarktreform«, mit der Fetischisierung von »Lifestyle« und des »Lustprinzips« daher – sogar als »friedliche Revolution«. 1989 hagelte es tatsächlich keine Gewehrkugeln, sondern Glasperlen (Bananen und Beate-Uhse-Heftchen) auf das Volk, bevor eine »Treuhand« ihm sein gesamtes Eigentum stahl und Millionen von Menschen die Existenzgrundlage entzog.

Die Gegenrevolution formiert sich auf allen Ebenen unserer Lebenswelt. Daher finden sich im Titelthema dieser Ausgabe von M&R nicht nur Bestandsaufnahmen der neokoloniale Züge entfaltenden Diskreditierung sozialistischer Kunst nach dem Ende der DDR und Rückblicke auf die kulturelle Verarbeitung von historischen Konterrevolutionen wie dem Kapp-Putsch. Wir beschäftigen uns auch mit dem Zusammenhang zwischen dem digitalisierten Alltag und dem Überwachungsstaat, der via Google, Whatsapp und -Alexa die intimsten Zonen unseres Lebens durchleuchtet. Ebenso mit der Frage, wie konterrevolutionäre Kräfte innerhalb der Kunst walten und damit die letzte -Oase des widerständigen Subjekts sukzessive verwüsten.
Und nicht zuletzt mit dem aktuellen Beispiel Brasilien, wo die Kulturindustrie mit perfider Massenmanipulation einen mit enormer Zerstörungswut tobenden Rechtsruck flankiert. Spätestens wenn Ökozide drohen, gilt es, die sich in der Gegenwart zuspitzende Dringlichkeit von Weinerts Fanal zu begreifen: Egal, wie weit entfernt die Länder sind, in denen das Kapital militärische, ökonomische und kulturelle Kriege anzettelt, sie richten sich immer gegen 99 Prozent der Menschheit – gegen uns alle.

Liebe Leser, bevor der Faschist Bolsonaro den Regenwald endgültig abfackelt, lassen Sie uns lieber Weinerts Appell folgen und »alle Herzen in Brand setzen« für eine Revolution, die endlich humane Verhältnisse schafft.

Susann Witt-Stahl
Chefredakteurin M&R

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