Melodie & Rhythmus

Let’s Lynch the Corporate Business

11.06.2019 13:14
Foto: Reuters / Steve Marcus

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Berthold Seliger durchleuchtet die zerstörerischen Machenschaften großer Finanzakteure in der Konzertbranche

Seitdem der Tonträgermarkt nahezu zusammengebrochen ist, sucht die Musikindustrie händeringend nach neuen Geschäftsmodellen. Es wird zwar wieder Geld mit Streamingdiensten verdient, sattes Wachstum findet aber in den letzten Jahren vor allem im Konzertgeschäft statt. Neben den Musikfans, die irrsinnig überteuerte Tickets kaufen müssen, um ihre Stars live erleben zu dürfen, sind die unabhängigen Kulturschaffenden und -veranstalter die Leidtragenden dieser Entwicklung. So sieht es zumindest Berthold Seliger. Er hat sich in den vergangenen 30 Jahren einen Namen als Konzertagent gemacht, indem er Bands wie Calexico, Tortoise oder Lambchop in Deutschland auf die Bühne gebracht hat.

Seliger ist aber auch Autor einiger bissiger und sehr lesenswerter Bücher über die Musikindustrie. Dass jemand aus der Insiderper-spektive Kritik übt, dabei vielen auf die Füße tritt und die Missstände in der Kreativwirtschaft freilegt, ist überfällig. Bislang trauen sich nur wenige (auch im journalistischen Bereich!) aus der Deckung; man versucht offensichtlich, lieber als Einzelkämpfer auf dem Markt zu überleben und seine Schäfchen ins Trockene zu bringen – ein Umstand, den Seliger im Gespräch mit M&R auf die »gigantische Entsolidarisierung durch den Neoliberalismus« zurückführt, die in den vergangenen 20 Jahren stattgefunden habe. Dass ein »Akteur mit den zur Verfügung stehenden Werkzeugen wie der Kritischen oder anderer marxistischer Theorie« die Mechanismen der Kultur-industrie betrachtet, »ist doch eigentlich ganz natürlich«, findet er.

In seinem neuesten Werk »Vom Imperiengeschäft« unterzieht Seliger seine Branche einer zahlen- und zitatgesättigten kritischen Analyse. In den letzten 15 Jahren sei die Eventindustrie komplett umgekrempelt worden, schreibt er in dem über 300 Seiten starken Buch. Ähnlich wie bei den Tonträgerkonzernen in den frühen Nullerjahren machen sich auch in der Konzertbranche Hedgefonds und private Beteiligungsgesellschaften auf der Suche nach Rendite-möglichkeiten breit. Die Folge sind Konzentrations- und Verdrängungsprozesse: Unabhängige Veranstalter müssen aufgeben, oder sie werden aufgekauft, die (neu entstandenen) Konzerne suchen Synergieeffekte mit anderen Dienstleistern und verfolgen kartell- und datenschutzrechtlich mehr als bedenkliche Strategien. Hinter dem Branchenführer Live Nation Entertainment (er managt beispielsweise Madonna, Jay-Z und U2, aber auch Bands wie NOFX und Warpaint; Jahresumsatz 2018 laut eigenen Angaben 10,8 Milliarden US-Dollar) finden sich etwa die weltgrößten Finanzdienstleister: die Vanguard Group und kein Geringerer als die BlackRock Inc. Live Nation geht es entsprechend um Big Business, eben das »Imperiengeschäft«: Marktbeherrschung und ein stetig wachsendes Aktionsfeld, das immer mehr Raum im Alltag der Konsumenten erobert und den kleinen Veranstaltern das Wasser abgräbt.

Seliger entwickelt auch Ideen, wie mit der daraus folgenden »kulturellen Ödnis« (Mark Fisher) umzugehen sei. Die Musiker und andere Kulturschaffende sollten sich wieder »als Arbeiter verstehen«, ihre »Situation als gesamtgesellschaftlichen Konflikt begreifen und sich entsprechend gewerkschaftlich organisieren«. Dass er damit wirklich aufs große Ganze zielt, bekräftigt er mit einer Absage an die »Kunstkleinbürger«: Die forderten »Kunst für alle«, richteten ihr Leben aber nach neoliberalen Idealen wie »Freiheit« und »Individualität« aus. Sich sein Plätzchen am Subventionstopf zu sichern, darum geht es Seliger also nicht. Er will Musik als Grundbedürfnis begreifen, als Kitt der Kommune, der Gemeinschaft unter Gleichen – das gilt es zu verteidigen. Dass man dafür gegen die Interessen der Kapitalisten mit harten Bandagen kämpfen muss, ist ihm klar. Er empfiehlt als eine konkrete Maßnahme die Zerschlagung der Oligopole der Musikindustrie und des Silicon Valley: »Ist das dann schon Sozialismus?«, fragt Seliger und schiebt (vermutlich mit Blick auf den kleinbürgerlichen Teil seiner Leserschaft) hinterher: »Und wenn ja, was wäre so schlimm daran?«

red

Der Beitrag erscheint in der Melodie & Rhythmus 3/2019, erhältlich ab dem 14. Juni 2019 am Kiosk, im Bahnhofsbuchhandel oder im Abonnement. Die Ausgabe können Sie auch im M&R-Shop bestellen.

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