Melodie & Rhythmus

Aufschrei gegen das Bestehende

26.03.2017 14:07
Mit Hannes Wader zum Auftakt der gemeinsamen Tournee im Schlosshof Fulda 2010 Foto: Walter M. Rammler


Mit Hannes Wader zum Auftakt der gemeinsamen Tournee im Schlosshof Fulda 2010
Foto: Walter M. Rammler

Dem mutigen Rufer Konstantin Wecker in Verehrung gewidmet

Moshe Zuckermann

In den vergangenen Jahrzehnten konnte man oft erleben, wie leicht der in Kunst gefasste, dezidiert politische Protest dadurch entartete und verkam, dass er konsumierbar, mithin in das System, gegen welches es sich zu empören galt, integriert wurde. Protestsongs? Man konnte nach ihnen arglos und selbstzufrieden in Diskotheken tanzen.

Aber die Zeiten haben sich wieder gewandelt. Der umfassende Rechtsruck in der Welt, die zunehmende »Vernashornung« (Eugène Ionesco) des kritischen Bewusstseins, die gängige Hinnahme von Verbrechen, Korruption und Manipula tion der Herrschaft haben den wie immer vergeblichen, wie immer ohnmächtigen und im Angesicht der etablierten Starre aussichtslosen Aufschrei gegen das Bestehende zur Notwendigkeit werden lassen – und sei’s um den verwaisten Humanismus willen, um den letzten Rest an Menschenwürde. Mit besonders widerständischer, künstlerisch bemerkenswerter Emphase erklingt dieser Aufschrei im deutschsprachigen Raum in den Liedern von Konstantin Wecker.

Wecker ist es nicht nur um schöne Melodien zu tun; ohnehin vermittelt sich vieles in seinen Liedern durch Sprechgesang. Er ist ein exzellenter Pianist, aber er setzt das Klavierspiel als Mittel zur Verdichtung und Intensivierung seiner Aussage ein, nicht um Virtuosität darzubieten, jedenfalls nicht Virtuosität um ihrer selbst willen. Er will die Menschen aufrütteln, sie aus ihrer Indifferenz, aus ihrer Lethargie herausreißen, sie zur emanzipativen politischen Tat anspornen:

»Empört euch/ Beschwert euch/ Und wehrt euch/ Es ist nie zu spät!« So feuert der Refrain seines Songs »Empört euch« an. Wogegen? Gegen einen Gesellschaftszustand, von dem es heißt: »Die Börse jubelt, wenn sie die entlassen/ Die ihnen ihren Reichtum eingebracht/ Gerichtlich sind sie eher nicht zu fassen/ Denn die Gesetze sind für sie gemacht.« Marxistisches Gedankengut. Wahrhaft keine Selbstverständlichkeit vor dem Hintergrund des heute vorherrschenden Zeitgeists. Dessen ist sich Wecker wohl bewusst, wenn er proklamiert: »Wir brauchen Spinner und Verrückte/ Es muss etwas passier’n/ Wir sehen doch, wohin es führt/ Wenn die Normalen regier’n.«

Das mag etwas von moralisch erhobenem Zeigefinger haben. Aber was ist schon dran an dieser als zu belehrend anmutenden Geste, wenn man bedenkt, worauf sie sich bezieht und was sie beklagt. In »Willy«, Weckers bekanntestem Song, zerreißt schmerzerfüllte Wut den Sprecher, der in ungefilterter Mundart um den von Faschisten erschlagenen und nunmehr begrabenen Freund Willy trauert: »Willy, du dumme Sau, i hab di bei da Joppen packt und wollt di rausziagn, obwohl i’s scho nimmer glaubt hab, und du hast di losgrissen: Freiheit, des hoaßt koa Angst habn vor neamands […] Willy, Willy, warn ma bloß weggfahrn in da Früah, i hätt di doch no braucht, wir alle brauchen doch solche, wia du oana bist!«

Von besonderer poetischer Suggestionskraft ist Weckers Song »Der Krieg«, dessen Text die Zeilen des 1911 von Georg Heym verfassten gleichnamigen Gedichts aufnimmt und einfühlsam weiterführt. Dieses malt in expressiver Sprache das an Goyas »Koloss« erinnernde Schreckensbild des über die Menschen hereinbrechenden Kriegs: »Und die Flammen fressen brennend Wald um Wald/ Gelbe Fledermäuse zackig in das Laub gekrallt/ Seine Stange haut er wie ein Köhlerknecht/ In die Bäume, dass das Feuer brause recht.« Bei Wecker heißt es dann entsprechend: »Bleiche Kinder fleh’n uns händeringend an:/ Macht ein Ende mit dem Irrsinn irgendwann.« Und dann braust sie wieder auf, die Wecker’sche Aufruf-Em phase. Wortgewaltig endet sein Lied mit den Zeilen: »Irgendwann? Nein, jetzt. Wir müssen seh’n/ Wie wir den Gewalten widersteh’n/ Denn sonst heißt es wieder eines Tages dann:/ Seht euch diese dumpfen Bürger an/ Zweimal kam der große Krieg mit aller Macht/ Und sie sind zum dritten Mal nicht aufgewacht.« Ganz und gar nicht ausgemacht ist, wie das gehen soll, »wie wir den Gewal- ten widersteh’n« sollen, wo die Gewalten so übermächtig lasten und die Dumpfheit der Bürger zum Normalfall geronnen ist. Niemand kann heute noch behaupten, nicht angemahnt worden zu sein, nicht gewusst zu haben, dass die Katastrophe bevorsteht. Und doch will sich weltgeschichtlich zurzeit offenbar nichts ernsthaft rühren. Wie ein Ruf in der Wüste ertönt Weckers »Empört euch« – und doch darf nichts anderes ertönen als eben dies: dieses wie immer verzweifelte und doch einzig wahre »Empört euch«.

Zum 70. Geburtstag von Konstantin Wecker veröffentlichen wir die im Heft in Kurzfassungen präsentierten Gratulationen und Würdigungen in voller Länge: zu den Gratulationen.

Der Artikel erscheint in der Melodie & Rhythmus 2/2017, erhältlich ab dem 31. März 2017 am Kiosk, im Bahnhofsbuchhandel oder im Abonnement. Die Ausgabe können Sie auch im M&R-Shop bestellen.

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