Melodie & Rhythmus

Antikriegssong unter Zensur

29.03.2017 14:15

Friedenstaube

Radiosender verweigern Ausstrahlung eines Werbespots mit der »Kleinen weißen Friedenstaube«

Zwei Hörfunksender haben es abgelehnt, verschiedene Werbespots der Tageszeitung junge Welt (jW) anlässlich deren Ersterscheinen vor 70 Jahren auszustrahlen. Der öffentlich-rechtliche Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) in Erfurt erklärte am 7. Februar, die Spots stellten »auf Erinnerungen ab, die eher weltanschaulicher Herkunft sind«. Auch der Privatsender Ostseewelle Hit-Radio Mecklenburg-Vorpommern in Rostock urteilte, es handele sich bei den Spots um »Werbung von politischer und weltanschaulicher Art«.

Die Zeitung hatte damit geworben, dass sie für Frieden und gegen Nazis ist. In einem der beanstandeten Clips wird eingangs das in der DDR populäre Kinderlied »Kleine weiße Friedenstaube« angespielt und gefragt: »Was, die gibt’s noch …?« Insbesondere diese Frage, so der MDR, ziele »ausschließlich auf die Weltanschauung ab«.

Das Lied entstand 1949. Die Kindergärtnerin Erika Schirmer war dazu durch Pablo Picassos Lithografie »Die Taube«, entworfen anlässlich des Pariser Weltfriedenskongresses, inspiriert worden, nachdem sie das Motiv auf einem Plakat im kriegszerstörten Nordhausen gesehen hatte. In dem Lied, das seit 2005 auch auf dem Blog »antiwarsongs« als internationales Antikriegslied geführt wird, heißt es: »Du sollst fliegen, Friedenstaube, allen sag es hier/ Dass nie wieder Krieg wir wollen, Frieden wollen wir.«

red

Flugverbot

Eine Glosse von Gloria Fernandez

Das Kinderlied »Kleine weiße Friedenstaube« fällt der Zensur zum Opfer – und kaum jemand regt sich auf. Warum auch in diesen Zeiten, in denen, wenn von »Frieden« geredet wird, »Krieg« gemeint ist?

Der MDR-Jurist hat recht. Selbstverständlich transportiert die linke junge Welt »Weltanschauung« in jenem Werbespot, in dem der Song von der Friedenstaube erstens aufgeführt und zweitens kommentiert wird (»Was, die gibt’s noch …?«). Und die Zeitung hat unrecht. Die Friedenstaube gibt’s nicht mehr, zumindest nicht so richtig: Als Lied in Kitas und Schulen längst vergessen, als Symbol verblichen, niemand weiß, ob die Taube je wieder abhebt. Wer also unterstellt, sie könnte doch noch fliegen, möchte sie wahrscheinlich reanimieren, was zwar ehrenwert sein mag, aber nicht von dieser Welt ist, die er sich träumt, wie es ihm gefällt. Weltanschauung frei nach Pippi Langstrumpf. Die kommt dann auch noch auf den Index.

Nur keine Aufregung über das abgestürzte Täubchen also, nach dem sowieso kein Hahn mehr kräht, und wenn doch, dann gibt’s was auf den Schnabel. Frieden wird schließlich durch Krieg gemacht, basta. Mali mit der Waffe »stabilisiert«, der »Menschenschmuggel in Mittelmeer und Ägäis« unterbunden, »der Balkan« beruhigt und Afghanistan befriedet. Außerdem bedarf es einer »erheblichen Präsenz im Baltikum. Wir werden auf diesem Weg weitergehen.« Kein Zufall, sondern Trend: Eine Woche nach dem Friedenstauben- Flugverbot gab Ursula von der Leyen in München die Marschrichtung vor – es geht wieder nach Osten.

Momentan betreut die Friedensministerin als viel beschäftigter Reisekader in 17 Ländern der Welt ihre in modisches Flecktarn gewandeten Angestellten – allzeit bereit, »Initiative zu übernehmen, dass wir gemeinsam schlagkräftiger werden, auch das ist burden sharing« (O-Ton München, 17. Februar 2017). Mit dem »gemeinsam« meinte sie sich und Donald Trump, mit der »Lastenverteilung« die Rüstungskosten. »Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen«, steht schon in der Bibel (Galater 6,2). Krieg als neues Gesetz Christi: Die toughe Lächlerin und der böse Bube im Weißen Haus, beide mit Drei-Wetter- Taft-Helm auf dem Kopf – Theologen des Grauens predigen ihre Vorstellung von Nächstenliebe, indem sie die Trommeln für »burden sharing« rühren. Werbung ist Kultur, Frieden heißt Krieg, und im Krieg herrscht die Kultur des Krieges. Friedenstaube aber ist Weltanschauung.

Für die darf nicht geworben werden. Sie könnte sich ja berappeln und wieder auf die Beine kommen. Eine aufregende Vorstellung. Doch, die gibt’s noch.

Der Beitrag erscheint in der Melodie & Rhythmus 2/2017, erhältlich ab dem 31. März 2017 am Kiosk, im Bahnhofsbuchhandel oder im Abonnement. Die Ausgabe können Sie auch im M&R-Shop bestellen.

Anzeigen

Che: Die ersten Jahre

logo-373x100
Facebookhttps://www.facebook.com/melodieundrhythmus20Twitter20rss

Jetzt am Kiosk!

M&R verlost

Django-verlosung300
Anzeige M&R-Tasse
flashback

M&R Aktuell

zuckermann

Deutsche Abgründe


Ein kleiner Schritt für Frankfurts Bürgermeister, ein großer Sprung für deutsche Normalisierer: Uwe Becker (CDU) demonstriert neues-altes Selbstbewusstsein und erklärt jüdische und andere Israelkritiker kurzerhand für »nicht willkommen« in seiner Stadt. Zu den unerwünschten Personen gehört der israelische Historiker und Sohn von Holocaust-Überlebenden Moshe Zuckermann, der in Frankfurt aufgewachsen ist. M&R bat ihn um eine Replik.

»Entscheidend ist, welche Haltung wir einnehmen«


Gespräch mit Susann Witt-Stahl. Über Gegenkultur, Ideologiekritik und notwendige neue Impulse für den Kulturjournalismus
Aus: junge Welt vom 25.03.2017, Wochenendbeilage

Aktuelle Ausgabe bestellen*

1. per Mail: abo@melodieundrhythmus.com
2. per Telefon: 030/ 53 63 55 37
3. per Telefax: 030/ 53 63 55 51
4. per Post: Verlag 8. Mai GmbH, Torstr. 6, 10119 Berlin
5. im M&R-Shop

*Preis 6,90 Euro inkl. 7% MwSt. zzgl. Versand 1,80 Euro

Ältere Ausgaben im M&R-Shop nachbestellen.
M&R Shop

Melden Sie sich für unseren Newsletter an

M&R im Interview

Gespräch mit Susann Witt-Stahl:
Kritischer Musikjournalismus in ideologisch angespannter Zeit.

Interview lesen
 
Gespräch mit Susann Witt-Stahl:
Über die neu ­gestaltete Musikzeitschrift Melodie und Rhythmus, Walter Ulbricht und Iron Maiden, Rock’n’Roll und Krieg, marxistische Ästhetik und Neoliberalismus, Straßen-Rap und Adorno.

Interview lesen
 
"Wir frönen nicht irgendeiner Nostalgie"
Ein politisches Musikmagazin mit DDR-Wurzeln erfindet sich neu: Melodie & Rhythmus (M&R) hat seinen Look und seine Inhalte überarbeitet. medienmilch.de sprach mit der Chefredakteurin Susann Witt-Stahl über die Details: Interview lesen
 
• Wie sich Musik und Politik vereinbaren lassen, behandelt das Magazin “Melodie & Rhythmus” in seiner aktuellen Ausgabe. Radio F.R.E.I. hat mit der Chefredakteurin Susann Witt-Stahl gesprochen.
Radiointerview anhören