Melodie & Rhythmus

Neoliberale Subkultur

30.12.2014 11:00

AG
Foto: Thomas Schermer / Kai Pfaffenbach/Reuters

Die Antilopen Gang spielt die Melodie des deutschen Kapitals – Ein Kommentar

Die Hip-Hop-Band Antilopen Gang kritisiert die »Dummheit der Menschen« und geht dabei »keiner Kontroverse aus dem Weg«. So resümiert der Focus, das neokonservative Nachrichtenmagazin für Rezipienten mit kurzer Aufmerksamkeitsspanne. Dass gerade dieses Blatt Gefallen an der vermeintlichen Antilopen-Rebellion findet, überrascht nicht: Schließlich wendet die Band sich vor allem gegen jene, die sich nicht immer den Maximen des »freien Marktes« fügen und deswegen schon mal eine geballte Ladung Staatsgewalt zu spüren kriegen. So zum Beispiel die Aktivisten von Blockupy und Stuttgart 21 – von den Antilopen verächtlich als »Wutbürger« tituliert.

Die Antilopen meinen aber auch die Massen generell: Wenn die sich »erheben, schmeiß ich aus’m Flugzeug eine Brandbombe auf Dresden«, heißt es in einem ihrer Tracks. Haben die Antilopen, die die rebellischen Regungen der »dummen Massen« so überheblich mit der nazideutschen Volksgemeinschaft vergleichen, etwa die Weisheit mit Löffeln gefressen? Mitnichten. Sie plappern lediglich die plattesten Parolen einer neoliberalen Subkultur nach, die sich »antideutsch« nennt, in Wirklichkeit aber die historisch schlimmsten Tugenden der deutschen Mittelschicht zeitgemäß aufbereitet – nicht zuletzt ihr altbewährtes Motto »nach oben beten, nach unten treten«.

Dan von den Antilopen kokettiert damit, dass er im Falle einer Revolte gegen das »reiche ein Prozent« auf der Seite der Polizei kämpfen und »mit Waffengewalt« vorgehen würde. »Da bin ich dann doch sehr froh über Rechtsstaatlichkeit, über Polizisten, die diese Leute dann im Zaum halten«, sinniert er. Denn in der Losung vom »reichen ein Prozent« sei »ja schon der Aufruf zum Pogrom impliziert«.

Wie jüngst wieder in Griechenland ersichtlich wurde, sind Dans uniformierte Freunde in Krisensituationen aber stets die ersten, die sich neofaschistischen Kräften anschließen. Die »ein Prozent«, vor die Dan sich schützend stellt? Das sind wohl die Großkapitalisten, die Hitler reichlich Spenden zufließen ließen und später noch von KZ-Sklavenarbeit profi tierten. Und das Finanzkapital? Nach 1933 hieß es in einer Parodie des »Horst-Wessel-Lieds« nicht ohne Grund, dass »die Börsianer nun Parteigenossen« seien. Dan, komm doch nach dem Unterricht bitte zu mir nach vorn, ja?

Der Kapitalismus, so Antilopen- Koljah im Interview, sei doch ein »abstraktes System«, in dem es gar keine individuelle Verantwortung gebe. Doch Marx wusste sehr wohl, dass Menschen innerhalb der gegebenen Umstände ihre eigene Geschichte machen. So auch die kreuzbraven Deutschen von der Antilopen Gang, die ihre Ideologiekonformität als punkige Rebellion und den Sozialdarwinismus des Marktes als Antifaschismus verkaufen wollen.

Maciej Zurowski

Der Beitrag erscheint in der M&R 1/2015, erhältlich ab dem 5. Januar 2015 am Kiosk, im Bahnhofsbuchhandel oder im Abonnement. Die Ausgabe können Sie auch im M&R-Shop bestellen.

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