Melodie & Rhythmus

Treibstoff für große Anstrengungen

26.01.2018 20:44

Magazin für Gegenkultur
Aufgeben – das ginge gar nicht in Zeiten des aufhaltsamen Aufstiegs der AfD und anderer rechter Demagogen, meinen fast alle, denen M&R etwas bedeutet (Titelgrafik von Heft 2/2017)
Foto: Grafik: jW/Daniel Hager

Von Susann Witt-Stahl

Melodie & Rhythmus steckt in einer schweren Krise. Ob es ihre finale ist, wird sich erst im Laufe dieses Jahres entscheiden. Die Redaktion und die Herausgeber haben beschlossen, nichts unversucht zu lassen, um das einzige professionelle Magazin für Gegenkultur in Deutschland vor dem Untergang zu bewahren – ein zähes Ringen steht uns bevor. Dass dieses 1957 als »Fachblatt für Tanz- und Unterhaltungsmusik« gegründete Medium mehr als 30 Jahre bewegte (Kultur-)Geschichte des bisher einzigen sozialistischen Staates auf deutschem Boden intensiv begleitet, sogar mitgeschrieben hat, ist eines von vielen Argumenten, die Mühe auf sich zu nehmen. Ein nicht minder wichtiges die große Anteilnahme, mit der uns die M&R-Leser begegnen.

Viele nennen das vorläufige Ende des Projekts eine »traurige Nachricht« und drücken ihr »großes Bedauern« aus. »Ich leide mit, wisst das!«, ist auf der Postkarte eines DKP-Genossen zu lesen, die ein roter Stern ziert. »Immer wenn ich das Magazin im Briefkasten hatte, erfüllte es mich mit Freude und Spannung«, berichtet eine Abonnentin. Manche haben M&R gerade erst kennengelernt oder lange keine Ausgabe mehr in Händen gehalten: »Nach fünf umgeblätterten Seiten dachte ich: ›geil!!! …‹ und kaufte zum ersten Mal seit vielen Jahren M&R«, erzählte uns ein Leser von seiner Wiederentdeckung am Kiosk. »Im Vertrauen darauf, dass die Schreibart der letzten 20 Ausgaben ähnlich war, würde ich dafür jetzt sogar 100 Euro bezahlen.«

Auch geschätzte Kollegen haben reagiert: »Der Verlust dieses wunderbaren Stücks Gegenkultur trifft mich hart«, lässt uns jW-Autor Jürgen Heiser wissen, der auch ab und zu für M&R gearbeitet hat. »Sie ist etwas Besonderes«, schreibt Matt Zurowski, der uns – viel zu selten! − mit herrlichen Interviews und anderen Beiträgen aus London bereicherte. »Ich glaube nicht, dass es ein Magazin wie die M&R irgendwo gibt auf dieser Welt.«

Aufgeben – das ginge gar nicht in Zeiten des aufhaltsamen Aufstiegs der AfD und anderer rechter Demagogen, meinen fast alle, denen M&R etwas bedeutet. »Ich bewundere Ihren beharrlichen Einsatz und möchte Sie zum Weiterkämpfen ermuntern«, ist ein eindringlicher Appell, der uns per E-Mail erreichte, und den wir in ähnlicher Form häufig hören in diesen Tagen.

Zu derart herzerwärmenden Worten für das M&R-Kollektiv, das eine Niederlage kalt zu erwischen droht, fällt einem unweigerlich ein bewegendes Diktum des marxistischen Kunsttheoretikers Theodor W. Adorno ein, den wir vor allem als radikalen Kritiker der alles Gute, Wahre und Schöne in Grund und Boden stampfenden Kulturindustriemaschine häufig in M&R rezitiert haben: Sich schwach zeigen zu dürfen, ohne Stärke zu provozieren – das sei die Erfahrung wahrer Liebe. Ihr, liebe Freunde der M&R, habt uns beigestanden, statt uns für vermeintliche oder tatsächliche Fehler zu kritisieren oder zu belehren. Daher ist es uns ein tiefes Bedürfnis, euch zu sagen: Ob wir die M&R noch mit vereinten Kräften retten können oder wir uns der erdrückenden Macht des faktischen totalen Kommerzes (vorerst) geschlagen geben müssen: Eure Solidarität in der Not − die werden wir euch nicht vergessen! Der Mut, den ihr uns zugesprochen habt, wird unser Treibstoff sein für die großen Anstrengungen, die wir nun unternehmen müssen.

Der Artikel ist zuerst am 27.01.2018 in der Tagezeitung junge Welt erschienen.

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