Melodie & Rhythmus

Gegen den Massenbetrug

30.03.2018 19:42

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Die Waffe der Ideologiekritik braucht ein Magazin

Von Susann Witt-Stahl

Die Feuilletons zünden zum 50jährigen Jubiläum der 68er gigantische Retrospektiven-Feuerwerke. Qualifizierte Analysen des Scheiterns durch die fehlende Erdung in antikapitalistischer Theorie und durch Kommerzialisierung, die den Hippie-Imperativ »Make Love, Not War« aufspaltete, den ersten Teil zu Kitsch degradierte und den zweiten gnadenlos ausradierte, finden sich selten. Statt dessen viel Häme – eine hasserfüllte Abrechnung mit den »Traumtänzern«, die mit ihrer Gegenkultur gewagt hatten, alles radikal zu hinterfragen.

Bereits 2004 hatten Joseph Heath und Andrew Potter mit ihrem Bestseller »Konsumrebellen« einen regelrechten Vernichtungsfeldzug gegen Gegenkultur gestartet. Sie erklärten die »Idee« von Karl Marx, dass die Bourgeoisie die gesamte Kultur kontrolliert, zu einem Ausdruck einer »Paranoia«. Ihre Feststellung, es gebe kein zur Kulturindustrie oppositionelles Anderes, mündete in eine Huldigung der Marktwirtschaft. Jeder Widerstand ist zwecklos, lautet das Mantra im Subtext, das in dem Hohelied der Neokonservativen auf die den Erdball mit Bombenteppichen überziehende »westliche Zivilisation« als das angeblich Beste, was noch zu haben sei, den Refrain bildet.

Dagegen ist es die vornehmste Aufgabe eines linken Projekts wie Melodie & Rhythmus, dem es ernst ist mit der Gegenkultur, die Lüge von der ausweglosen Totalität des Kapitalismus schonungslos zu entlarven und bewusstzumachen: Unsere mörderischen Produktionsverhältnisse und die imperialistischen Kriege, die sie zeitigen, sind kein Naturgesetz. Ihre Allmacht ist von Menschen herbeigeführt und damit widerrufbar. Egal, wie die Subjekte, die sie bis aufs Messer verteidigen, sich an sie klammern − sie bleiben antagonistisch und weisen damit potentielle Bruchstellen auf.

Wer Gegenkultur voranbringen will, muss aber immer eine wesentliche Erkenntnis von Adornos kritischer Theorie der Kulturindustrie (die, weil sie sich um die Produktion von falschem Bewusstsein in den Unterhaltungs- und Meinungsfabriken zur Sicherung kapitalistischer Herrschaft dreht, als Ideologiekritik zu verstehen ist) mitreflektieren, dass das, was als Revolte gegen sie und ihre Profiteure erscheint, längst einer ihrer Kassenschlager ist.

Die gebildeten Eliten der Neofaschisten wissen das und versuchen mit Hochdruck, den Gegenkultur-Begriff zu okkupieren − um sich im Licht der Scheinwerfer als Gegner des Systems zu inszenieren, während sie im Schatten an seiner Radikalisierung arbeiten. Mussten ihre politischen Vorfahren noch die Ästhetisierung der Politik vorantreiben, die selbst den eigenen Untergang noch als Karneval der Sinnesfreude erscheinen lässt, können die Rechten heute auf die permanente Ästhetisierung der Welt bauen, für die Hollywood und RTL, Instagram und Vice zuverlässig sorgen.

So gilt es mehr denn je, den rechten Popstars mit der Politisierung der Kunst auf den Bühnen und mit antifaschistischem Agitprop auf der Straße in die (Hit-)Parade zu fahren. Daher sind M&R Brecht wie Banda Bassotti lieb und teuer. Nicht minder die vielen kritischen Literaten, Komponisten und Maler, die für ihre große Weigerung, sich im Kulturindustrie-Zirkus zum Affen zu machen, den Preis der Brotlosigkeit und Marginalisierung bezahlen – diese Künstler bilden objektiv eine Einheit, weil sich ihr Schaffen der vollständigen Zurichtung auf die Verwertung seines Wertes entzieht und damit als letzte Bastion des widerständigen Kollektivsubjekts gerettet werden kann.

Alle, die das wollen, brauchen ein durchdringendes Organ, eine solide Basis für ideologiekritische Interventionen, zu der M&R sich entwickelt. Ihr nächster Schritt ist, ein Manifest für Gegenkultur zu verfassen: eine Hymne, die die Glücksgefühle beim Standhalten gegen die Übermacht der Diktatur des Stumpfsinns zum Klingen bringt. Eine zärtliche Umarmung der Ausgestoßenen und Gedenken des letzten Aufstöhnens der getöteten Besiegten, das die Dissonanz als sinnlichen Ausdruck ihres Schmerzes würdigt. Es soll die Notwendigkeit erklären, »Adorno für Revolutionäre« zu entdecken, wie es der marxistische Musikschriftsteller Ben Watson gefordert hat (weil jener die Vorstellung von der befreiten Gesellschaft, die erkämpft werden muss, in einer negativen Ästhetik aufgehoben hat), und sich nicht von der schrecklichen Erkenntnis lähmen zu lassen, dass Kulturindustrie kein Außen mehr duldet. Schließlich muss es den Irrtum beseitigen, der Sehnsuchtsort von Gegenkultur sei im Paralleluniversum zu finden und das Nörgeln in der (Subkultur-)Nische ihre Erfüllung. Ganz im Gegenteil geht es darum, deutlich zu machen: Gegenkultur heißt Frontal­angriff auf das Zentrum des (Kulturindustrie-)Imperiums − voll auf die Zwölf der immer rücksichtsloser mit Massenbetrug herrschenden Klasse.

M&R retten

Künstlerkampagne

Musiker, Komponisten, Literaten und Kabarettisten setzen sich für Melodie & Rhythmus ein und haben in Videos und Texten ihre Gedanken über Gegenkultur festgehalten. Sie »ist eine Kraft, ein Ruck, ein kollektiver Versuch, die gegenwärtige Vorstellung davon zu verändern, was Kreativität sein könnte«, und bedeute »neu gestalten, reaktivieren, wieder Form annehmen, eine Injektion totaler Frische zu geben«, erklärte Jason Williamson von den Sleaford Mods. Gegenkultur »heißt, gegen die Kultur der Herrschenden zu sein. Gegen eine Kultur, die uns das Wissen austreiben will, dass wir aufbegehren und die Welt verändern können«, unterstreicht Konstantin Wecker. Die Band Black Heino schreibt: »Gegenkultur bedeutet, die Stimme zu erheben, wo andere nur Schalali singen.« Dafür werde M&R dringend gebraucht. Das meinen auch Friedemann, Dota Kehr, David Rovics, Heinz Ratz, Jean-Hervé Péron, ehemaliger Gitarrist von Faust, The Baboon Show, Los Fastidios, die Autoren Tim Wells, Moshé Machover u. v. a.

»Die Demokratie braucht immer eine starke Opposition, weil sie sonst der Diktatur immer ähnlicher wird«, sagt der Kabarettist Christoph Sieber, der sich ebenfalls an der Künstlerkampagne zur Rettung von M&R beteiligt. Sollte das Magazin eingestellt werden, so Sieber weiter, »dann fehlt in diesem Land schon ein wichtiges Medium der Gegenkultur«. Theaterregisseur Johann Kresnik sieht das ähnlich. Denn »M&R beschäftigt sich mit Künstlern, die sich gegen die herrschende Politik stellen und sich weigern, Kultur zu repräsentativen Zwecken zu verniedlichen«.

Das internationale Fotografennetzwerk Activestills schätzt M&R vor allem für ihre »Kampfansagen an den herrschenden Diskurs. Wir fühlen uns geehrt, dass unsere Arbeit darin vorgestellt wurde.« Und Nicolaus A. Huber berichtet: »Als ich vor nicht allzu langer Zeit M&R kennenlernte, war ich verblüfft und begeistert, dass es so etwas überhaupt noch gibt.« So ein kritisches Organ sei »in unserer rechtsdrehenden Welt unverzichtbar«, findet der Avantgarde-Komponist. »M&R darf nicht sterben!«

(sws)

Der Artikel ist zuerst am 31.03.2018 in der Tagezeitung junge Welt erschienen.

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