Melodie & Rhythmus

»Ich habe versucht, etwas zu rechtfertigen, das nicht zu rechtfertigen ist.«

30.10.2013 12:23

Retrogott

Retrogott über Sprache im Rap
Text: Richard Lehne, Foto: Entourage Business

Schwerpunkt Musik und GenderMit einer gewagten Mischung aus beißender Ironie, Humor und einem Diplom in Battle-Rap lehnte sich vor fünf Jahren die Kölner Rap-Crew Huss & Hodn zum ersten Mal meterweit aus dem Fenster. Unterlegt von jazzigen Beats von Hulk Hodn, rappte Retrogott voller Wortwitz über die Länge seines Geschlechts oder über die Unfähigkeit seiner Konkurrenten. Dabei bediente er sich gerade auf dem Debüt »Jetzt schämst du dich!« homophober Äußerungen. Kultur-Deutschland war nach Alben von Bushido und Sido sensibilisiert für die Texte in Rap-Musik und so stand auch Retrogott zur Debatte. Von der Homophobie in seiner Texten hat er sich mittlerweile distanziert, doch homophob war der Rheinländer dennoch nie – »bloß ein Künstler, der mit Sprache arbeitet«, wie er selbst sagt.

Du sprachst im Vorfeld dieses Interviews von »deinen Geschlechtern« und in einem Blog-Eintrag habe ich von »deiner versteckten homosexuellen Seite« gelesen. Was hat es damit auf sich?
Mit »Geschlechter« meine ich einen Summengegenstand aus sozialem und biologischem Geschlecht. Ich würde gern noch ein psychisches Geschlecht hinzunehmen. Diese drei Bestandteile setzen sich auch aus vielen, verschiedenen, teils widerstrebenden Aspekten zusammen. In allen Bereichen, dem sozialen, dem psychischen und dem biologischen, stehen verschiedene Identifikationsmuster zur Verfügung. Hinzu kommt, dass sich die Bereiche überschneiden. Ich denke unter diesen Voraussetzungen, dass ich viele Geschlechter habe, nicht nur in unterschiedlichen Situationen, sondern gleichzeitig. Der Begriff des Geschlechts ist extrem komplex oder sogar unbrauchbar, um damit Wissenschaft zu betreiben oder Fakten zu schaffen.

Wann hast du für dich festgestellt, dass es nicht in Ordnung ist, jemanden als »schwul« zu bezeichnen?
Ich kann dir kein Datum sagen, aber habe ich denn homophobe Aussagen als autobiografische Anmerkungen oder Ausdruck meiner Meinung getätigt? Sagen Autoren, was sie meinen? Es ist meiner Auffassung nach nicht richtig, wissentlich und vorsätzlich andere Menschen zu verletzen. Ich habe schon immer nicht nur zwischen Aussagen, die in Ordnung sind, und Aussagen, die nicht in Ordnung sind, unterschieden, sondern auch zwischen Situationen, in denen unterschiedliche Ordnungen herrschen. In meiner Rolle als »Musiker« musste ich über Jahre hinweg lernen, mit der Überschneidung von Situationen und ihren unterschiedlichen Ordnungen umzugehen.

Du hast mal erwähnt, dass deine homophobe Wortwahl zu Beginn unbewusst war. Hast du dich wirklich nie mit der Thematik auseinandergesetzt oder hast du einfach wirklich nie gewusst, was »schwul« bedeutet und dass Menschen, die du damit verletzt und angreifst, genau diese Wortwahl auf die Goldwaage legen könnten?
Unbewusst, was die Überschneidung der Situationen und Ordnungen angeht. Davon abgesehen, stelle ich mich auch heute noch manchmal auf der Bühne dümmer als ich bin. Das ist Teil meines künstlerischen Handelns. Ich erzähle sehr viel Schwachsinn.

Das komplette Interview lesen Sie in der Melodie&Rhythmus 6/2013, erhältlich ab dem 1. November 2013 am Kiosk, im Bahnhofsbuchhandel oder im Abonnement. Die Ausgabe können Sie auch im M&R-Shop bestellen.

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