Melodie & Rhythmus

Hallelujah I Love Her So

25.04.2012 11:08
Schwerpunkt Pop & Religion

Einige Anmerkungen zum Verhältnis von Pop & Religion
Text: Frank Schäfer, Foto: Reed Saxon

»Das Wort Pop«, schreibt der Schriftsteller Andreas Neumeister, »kennt keinen Artikel«. Es bleibt unbestimmt, soll das heißen, nicht gänzlich zu verstehen, nicht wirklich trennscharf zu definieren. Wie das Wort »Gott«. Und wie dieser ist Pop sich selbst genug, eine eigene Qualität – das Palindromhafte des Wortes scheint dies noch zu bestätigen. Denn was will ein Popsong im Idealfall? Im Grunde will er gar nichts außer er selbst sein. Die Metaphysik an sich. Ein Dreiminuten-Lied, dessen unmittelbare Schönheit so betört, dass es dieses Leben nachgerade epiphanisch überhöht.

Gut, kommen wir mal wieder auf die Erde zurück. Es gibt nämlich einen ganzen Sack voll durchaus profaner Strukturanalogien und Affinitäten zwischen Pop und Religion, die sich handfester beschreiben lassen – zum Beispiel ihre gemeinsame Geschichte. Am Anfang war Pop das Wort Gottes – und die Kirche der Showpalast. Auf den Gospel, die religiöse Musik der Sklaven, lassen sich die meisten angloamerikanischen Spielarten der populären Musik zurückführen. Im Gospelgottesdienst, in dem sich die christliche Lehre und ihr Liedgut mit afrikanischen Glaubens- und Musiktraditionen zu einem vitalistischen, exaltierten, die Gemeinde konsolidierenden Zeremoniell vermischten und sublimierten, betrauerte das schwarze Kollektiv seine bedrückende Lage hienieden, aus der es nur das höchste Wesen erlösen konnte. Die glühende Inbrunst, mit der sich die Gemeinde in die Aufführung ihrer Spirituals warf, erzeugte ekstatische Glücksmomente, die als Vorgeschmack auf die ewige Herrlichkeit gedeutet werden konnten. Insofern war auch das Schreiben von suggestiven Gospelsongs wahrer Gottesdienst. Also besser, man gab sich Mühe.

Kleine Labels erkannten bald die Qualität dieser Musik, und so entwickelte sich langsam ein Genre, das spätestens seit den 1940er Jahren, mit den Erfolgen von Sister Rosetta Sharpe und Mahalia Jackson, zu einer Größe im Musikgeschäft wurde. Das war der erste Säkularisierungsschritt. Die »frohe Botschaft« ließ sich umschmelzen in harte Dollars. Die Songs wurden so eingängig, dass die religiöse Botschaft mehr und mehr in den Hintergrund trat. Die Verweltlichung war abgeschlossen, als Künstler nur noch die exaltierten, sakralen Sprechweisen benutzten, um ganz und gar profane Inhalte damit zu nobilitieren. Mit seinem Hit »Hallelujah I Love Her So« von 1955 ging es Ray Charles eben nicht mehr um die Liebe zu seinem Gott, sondern zu seinem quasi-himmlischen Mädchen. »In the evening when the sun does down/When there is nobody else around/She kisses me and she holds me tight/And tells me ›Baby, ev’ry thing’s all right.‹«

Die Aura des Religiösen ließ sich aber noch auf andere Weise instrumentalisieren – politisch. Unter dem Eindruck des Marschs auf Washington im Jahr 1963, einem der Höhepunkte der Bürgerrechtsbewegung, konnte man Curtis Mayfields Hit »People Get Ready«, der ja zunächst vor allem ein christliches Glaubensbekenntnis ist, nur als einen Aufruf zur schwarzen Selbstermächtigung deuten. »So people get ready/There’s a train to jordan/Picking up passengers/Coast to coast/Faith is the key/Open the doors and board them/There’s hope for all/ Among those loved the most«. Mayfield wurde keineswegs missverstanden.

Den kompletten Beitrag lesen Sie in der Melodie&Rhythmus 3/2012, erhältlich ab dem 27. April 2012 am Kiosk, im Bahnhofsbuchhandel oder im Abonnement. Die Ausgabe können Sie auch hier bestellen.

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