Melodie & Rhythmus

Erinnerung für die Zukunft

27.02.2018 21:45


Foto: Jens Schulze

Eine Zeitreise der besonderen Art: Hommage an Daniel Viglietti in der Ostberliner «Wabe»

Gerd Schumann

In diesen kalten Zeiten geht es darum, die Restwärme, die uns geblieben ist, zu bewahren. Das schafft schon kaum jemand mehr von denen, die auf Bürgersteigen der Stadt, in Decken und Planen gehüllt, um milde Gaben bitten. Und auch jenen mit Dach über dem Kopf fällt das schwer. Die immerwährende alltägliche Nachrichtendosis aus Kriegen und Fluchten und Gewalt, vor allem jedoch deren scheinbare Unvermeidbarkeit, zermürbt und frisst die Seele auf. Also unbedingt die Wärme halten – so gesehen war die Hommage an Daniel Viglietti, aufgeführt am Mittwochabend in der mit über zweihundert Leuten voll besetzten Berliner «Wabe», ein wunderbares Konzert.

Viglietti, Jahrgang 1939, einer der Väter des lateinamerikanischen Nueva Canción (Neues Lied), war überraschend am 30. Oktober 2017 verstorben. Die nun eingespielten Filmaufnahmen zeigen ihn noch einmal beim Konzert mit Rolf Becker auf der Bühne des Kino International an der Karl-Marx-Allee wenige Monate vorher. 70 Jahre junge Welt wurden da gefeiert, und Dietmar Koschmieder, Geschäftsführer des Verlags 8. Mai, berichtet, wie es zu dem mittlerweile schon legendären Auftritt gekommen war: In Havanna sehen Kollegen von «Melodie und Rhythmus» Vigliettis Auftritt in der Casa de las Américas, die Rezension erscheint, Rolf Becker liest sie – eine Idee wächst.

«A desalambrar» (Reißt die Zäune nieder) singt der Cantautor, sitzend, geduckt über seiner Gitarre, ein Virtuose, der unverwechselbare Gesang eines Poeten, klagend über das Ist, fragend nach dem Warum, fordernd das Seinwerden. Becker, ausgestattet mit einer Energie und einer Empathie, die immer wieder aufs Neue staunen lassen, Expressionist der Sprache, rezitiert den Text.

«Reißt die Zäune nieder, reißt die Zäune nieder! Denn dieses Land gehört uns, / es ist deines und seines, / es gehört Pedro, Maria, Juan und José.»

Das klingt wie der auferstandene Zeitgeist von ganz früher. Und warum auch nicht? Und warum nicht erst recht! Schon vor Jahrzehnten wurde Vigliettis Lied zur Hymne der Hoffnung auf Gerechtigkeit. Er selbst von den putschenden Militärs aus seinem Land Uruguay ins Exil getrieben; Victor Jara, der andere Große, ermordet im Stadion von Santiago de Chile, September 1973. Und Isabel Parra interpretiert zusammen mit Patricio Castillo «Por Todo Chile» von Viglietti, Berlin (Ost), Februar 1974, Festival des politischen Liedes. Das DDR-Fernsehen überträgt, die Gruppe «Jahrgang 49» übernimmt den Song. «Es wurde deswegen so berühmt, weil es gebraucht wurde», sagt Gina Pietsch und führt es auf, ihre Tochter Frauke Pietsch begleitet sie am Klavier und vokal. Bewegend.

«Nein, nein, nein, niemand vergisst euch, nein, nein./ Manuel Rodriguez, aus deinem Schweigen / wachsen uns Blumen, Kinder und Lieder / wachsen uns wieder unzählbar viele im ganzen Chile.»

Brechts «Ballade vom Wasserrad» von 1932 folgt. Es passt wie das Chile-Lied von 1973 dann besonders gut in die Zeit, wenn es von vielen gehört wird. «Manchmal scheint es so, als ob niemand zuhört», sagte Viglietti zu Nicolás Rodrigo Miquea damals in Berlin und meinte damit: trotz allem weitermachen. Miquea machte weiter. Und es lohnte sich. Brillantes Gitarrenspiel, Tempiwechsel, zupfen, schlagen, schräg wie melodiös, variable, sanfte Stimme. Er gehört zu den Jüngeren, geboren in Chile. Weil er selbst aus einem fremden Land kommt, kennt er die Sehnsüchte der Fremden: Immer, immer, immer sieht er das Gesicht der von ihm geliebten Person, die zurück blieb: «Te veo».
Seine nun fertige Platte wollte er zuallererst Daniel schicken…Und Tobias Thiele erzählt von jenem 30. Oktober, als er von dessen Tod erfuhr. Trauer – und dann der Vorsatz: Was tun. Er trägt sein Lied «Erinnern» vor, sanft, fast melancholisch, aber voller Kraft, sozusagen das finale Postulat des Abends: Erinnerung für die Zukunft. Solidarität! Folgt Vigliettis «Milonga einer langen Reise» gesungen von Thiele: «Ein einzelner Tropfen ist wenig / doch viele werden zur Flut.»

«Die Erde ist da für dich und mich» heißt Hans Eckardt Wenzels Version von Woody Guthries Klassiker «This land is your land». Der ist sowas wie «A desalambrar» auf nordamerikanisch. Und Wenzel denkt sich: Guthrie und Viglietti, zwei «großartige Künstler», sitzen zusammen im Himmel und philosophieren darüber, was ein Lied bewirken kann und was nicht. Eine ewige Frage. Zur Aufgabe des Sängers gehöre, auf Dinge hinzuweisen, die auf keinen Fall verschwinden oder vergessen werden dürfen. Wenzel führt seinen noch unveröffentlichten Song über «Theresienstadt» auf, beklemmender Besuch im ehemaligen KZ in der Nähe von Prag an einem kalten und grauen Januartag. «Jede Sekunde könnte es wieder so sein». Längst vergangen Geglaubtes wird wieder vorstellbar. Unfassbar.

Das Neue Lied war immer auch Vielfalt. Daniel, sagt Becker, wollte gestalten, seine canciones sollten motivieren zum Denken, zum Kämpfen – wie die von Frank Viehweg, der die leiseren Töne, die hintergründigen Betrachtungen liebt, ein «sensibler Dichter» (Gina Pietsch). Er zeichnet verantwortlich für etliche Nachdichtungen. Am bekanntesten vielleicht die der Werke von Silvio Rodríguez, von Mikis Theodorakis, aber auch von Daniel Viglietti. Viehwegs wunderschöne Übertragung von dessen «Anaclara» entstand 1998:

«Deine Fragen/ Anaclara, sind der Kompass und die Karte für den Weg / Bleibe immer / Anaclara, die verrückte Compañera / So verrückt wie freie Vögel in den Bäumen / In den Träumen, Anaclara.»

Gegen Ende tragen «Tiemponuevo» den «Canción para mi América» (Lied für mein Amerika) vor. Die Musiker um Roberto Rivera trafen Viglietti erstmals 1965 in Uruguay und gelten schon ewig als die aufrechten Oldies unter den zeitgenössischen Gruppen des chilenischen Aufbruchs und Widerstands. Ihnen bleibt vorbehalten, die Frage nach dem, was bleiben wird, zu beantworten.

«Dieses Lied will keine Herren / Die Herren befehlen nicht mehr! Die Gitarre Lateinamerikas hat kämpfend zu singen gelernt.» Daniel Viglietti – presente!

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