Melodie & Rhythmus

Editorial: Lizenz zum Weinen

25.10.2016 15:44

editorial

Das »Quit playing games with my heart!«-Geschmachte der Teenie-Bands belächeln wir. Die gekünstelte »Authentizität« der Schlager-Interpreten, die angeblich eine »Botschaft« haben, oder auch die unvermeidliche »White Christmas«-Seligkeit, die in diesen Tagen wieder grassiert, reizen zum Lästern, manchmal sogar zum Schenkelklopfen. Aber das Phänomen Kitsch allein mit ironischer Distanz abzutun – das wäre zu einfach: Die gesellschaftlichen Verhältnisse, die ihn hervorbringen, ebenso seine Produzenten, die aus ihm gewaltige Profite ziehen, »are playing games« mit den real existierenden, aber verdrängten Ängsten, Nöten und unterdrückten Sehnsüchten der Menschen.

Die durch Roy Blacks »Ganz in Weiß« oder zuckersüße Walzertraum-Revuen im ZDF nicht nur bei Senioren massenhaft ausgelösten emotionalen Eruptionen sind Reflexe auf die Erinnerung an die Versagung eines wahrhaft erfüllten Lebens, gar Glücks. Im Bann forcierter Konkurrenz und wachsender Vereinzelung in der neoliberalen Gesellschaft verhilft uns oftmals einzig noch der Kitsch zur Katharsis – ohne Sanktionen fürchten zu müssen. Ans Gefühl appellierende Kulturindustrieprodukte kämen mit dem Gestus der Mutter daher, die sagt: »Weine ruhig, mein Kind«, notierte Adorno 1941 in seinem Essay »On Popular Music«. Aber diese Lizenz zum Weinen beinhaltet keine Erlaubnis für den Ausbruch aus dem Betrieb – im Gegenteil: »Musik, die ihren Hörern das Gewahrwerden ihres Elends gestattet, versöhnt sie durch diese ›Befreiung‹ mit ihrer sozialen Abhängigkeit«, bringt sie also immer wieder auf Linie des Systems.

Kitsch ist Affirmation. Indem er suggeriert, dass die Welt in Ordnung ist, pocht er auf die bestehende Ordnung und verdoppelt sie ideologisch. Und wie der Nazi-Kitsch und sei ne Todesromantik, mit denen wir uns im Kontext des Titelthemas dieser Ausgabe auch auseinandersetzen, eindringlich belegen: Es gibt Auswüchse, die erschreckend sind, weil sie Menschen verleiten, radikal gegen ihre vitalen Interessen zu handeln und sich und andere für politische Regimes zu opfern, die nichts anderes als Gewalt, Zerstörung und Vernichtung zeitigen: »Das ist die gefährliche Seite des Kitsches, dass er Verbrechen als ästhetisches Mäntelchen dient«, warnte der Schriftsteller Ludwig Renn, der als Kommunist und Spanienkämpfer direkt mit dem Faschismus konfrontiert war.

Aber natürlich steckt auch im Kitsch eine – zuweilen tragische – Dialektik, die wir in diesem Heft beleuchten wollen: Er drückt nämlich nicht zuletzt das meist unbefriedigte Bedürfnis des durch die Trümmer auf Trümmer häufende Weltgeschichte gehetzten Menschen nach Gemeinschaft, Harmonie und Liebe aus. Damit birgt er ein emanzipatives Moment. Trotz aller Ausbeutung und Beschädigung, die die Kulturindustrie unserem Gefühlsleben antut: Wenn sich bis heute in Fußballstadien oder Konzerthallen nach den letzten Takten des vor Pathos strotzenden 40er-Jahre-Musical-Evergreens »You’ll Never Walk Alone« Fans, die sich noch nie vorher begegnet sind, ozeanischen Gefühlen hingeben und sich gegenseitig in die Arme fallen, dann sprechen sie, wie invalide und unbeholfen auch immer, damit ihren sehnlichsten Wunsch aus: »Alle Menschen werden Brüder.«

Susann Witt-Stahl
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