Melodie & Rhythmus

Empathische Annäherung

30.08.2016 14:36

editorial

Was ist jüdische Musik? Wer dieser Frage nachgeht, wird zunächst feststellen, dass der Singular nicht reicht: Allein das diasporisch Hybride hat eine große Vielfalt verschiedenster jüdischer Musiken und Musikästhetiken hervorgebracht. Die jüdische Geschichte von Ausgrenzung, Vertreibung und Verfolgung erschwert es, in Musikkulturen und -kulturbetrieb »das Jüdische« aufzuspüren. Die fremdbestimmte Definition jüdischer Identität zum Zweck der Verbreitung von Ressentiments (wie ihn Richard Wagner mit seinem »Das Judenthum in der Musik« verfolgte) oder der Vereinnahmung wiederum verleitet dazu allzu leicht. Aber es gibt, wie Moshe Zuckermann es ausdrückt, eine »jüdische Dimension«, weit über Klezmer und jiddische Lieder hinaus.

Allerdings ist der Blick darauf verstellt. Der Dauerkriegszustand im Nahen Osten, die wachsenden Expansionsbestrebungen Deutschlands und der NATO (deren engster Verbündeter Israel ist) haben das Debatten-Klima im Themenfeld Juden – Zionismus – Israel ideologisch aufgeheizt. Vor allem im Täterland ist eine absurde Diskrepanz entstanden: Angebliche »Freunde Israels« bringen im Namen »der Juden« mit deutschen Befindlichkeiten aufgeladene Antisemitismusvorwürfe meist willkürlich und diffamatorisch gegen die linke – besonders gegen die jüdische – Opposition zu westlichem Imperialismus und israelischer Besatzungspolitik in Stellung, während Neofaschisten und andere Rechte weitgehend ungestört (häufig via Musiksubkultur) Judenhass verbreiten können.

Den zunehmend dichten Ideologienebel zu durchdringen und einer emanzipativen Perspektive auf die Judenheit und ihre Kultur die nötigen Räume zu verschaffen, scheint heute nahezu unmöglich. M&R versucht es trotzdem. Dabei reicht es aber nicht, antisemitische Denkmuster zu entlarven und zu zeigen, dass die »jüdische Lobby«, in der Musikwelt wie überall, einer judäophoben Phantasmagorie entspringt. Es gilt, endlich zu begreifen, dass die verbreitete Abstraktion des überaus heterogenen jüdischen Kollektivs zu »Juden« und dessen Funktionalisierung als Objekt für allerlei falsche Projektionen und Instrumentalisierungen viel über diejenigen (vor allem den Grad der Verdinglichung ihres Bewusstseins) aussagt, die sich dieser Praxis bedienen, aber so gut wie nichts über die realen jüdischen Welten, schon gar nichts über die Ängste, Hoffnungen und sehr verschiedenen Gesellschaftsentwürfe der Menschen, die sich ihnen verbunden fühlen.

Genau diese jüdische Lebenswirklichkeit (samt ihrer Widersprüche) und die individuellen Anschauungen ihrer Gestalter interessieren uns – als Musikmagazin natürlich auf künstlerischer und kultureller Ebene. So baten wir jüdische Musiker aus Deutschland, Israel, den USA und Schweden um ihre Meinungen und Ideen zum (Kultur-)Leben in der Diaspora sowie in der 1948 Staat gewordenen neuen Heimstätte für Juden. Wir überließen es jüdischen Künstlern und Intellektuellen, die Verarbeitung der Traumata der großen Katastrophe, ebenso durch die Tonkunst wie durch Popkultur, zu reflektieren – und zu kritisieren. Wir fragten israelische Bandprojekte, Zionisten wie Antizionisten, nach ihren Gedanken zum Verhältnis zwischen jüdischen Identitäten und der Ideologie des Judenstaates. Und natürlich erinnern wir an untergegangene wie quicklebendige jüdische Musiktraditionen und setzen uns mit ihrer nicht immer unproblematischen Rezeption auseinander. Sie sehen, liebe Leser, eine aufklärerische empathische Annäherung an die »jüdische Dimension« ist etwas anderes als eine »Reise nach Jerusalem«.

Susann Witt-Stahl
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