Melodie & Rhythmus

Auschwitz in der Popkultur

30.08.2016 14:02
Foto: Pawel Ulatowski/Reuters

Foto: Pawel Ulatowski/Reuters

Banalisierung des Unsagbaren oder Aufklärung?

Adorno meinte im Jahr 1949, es sei »barbarisch«, nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben. Die Debatte, ob oder wie der Schrecken der Konzentrationslager kulturell verarbeitet werden soll, ist bis heute nicht abgerissen. Über die US-Fernsehserie »Holocaust« (1978) etwa urteilte der Schriftsteller Elie Wiesel, sie sei eine aus kommerziellem Kalkül produzierte Seifenoper, eine »Beleidigung für die, die umkamen«. Als die Thrash-Metalband Slayer den Auschwitz-Lagerarzt Josef Mengele 1986 als »Angel of Death« besang, wurde ihr eine »Betrachtung des Holocausts als Comic-Drama« attestiert. Jüngst sorgte der neue Roman von Martin Amis für Diskussionen, weil er die Liebesgeschichte eines SS-Offiziers zu der Frau des Lagerkommandanten von Auschwitz erzählt – eine Liebe »vor dem Hintergrund des unromantischsten Ortes des 20. Jahrhunderts«, wie es im Klappentext heißt. Die einen kritisieren eine gefährliche Trivialisierung und einen Ausverkauf des Holocausts, die anderen sagen: Vermittelt durch die Popkultur erreichen notwendige Kenntnisse über das größte Menschheitsverbrechen Teile der Bevölkerung, die sonst keinen Zugang zu dessen Geschichte haben.

Wir lassen die These diskutieren:

Der Holocaust muss für die Popkultur tabu sein.

PRO

Das Grauen als Konsumware

Als Adorno sein berühmtes Diktum formulierte, nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben sei barbarisch, hatte er philosophisch zweierlei im Sinn: Zum einen stellte sich für ihn die Frage, wie eine Kultur, die mit der Barbarei kooperiert (jedenfalls der Barbarei keinen Einhalt zu bieten vermocht) hatte, sich noch anmaßen könne, Rechenschaft über den »Rückfall in die Barbarei« ablegen zu dürfen. Zum anderen wandte er sich aber auch gegen die Tatsache, dass Kunst stets mit einem gewissen Lustgewinn verbunden ist. Die Rezeption des »Zivilisationsbruchs« Auschwitz, den selbst die beschlagensten Kulturkritiker nicht vorauszusehen vermocht hatten, durfte keine Plattform für einen solchen Lustgewinn abgeben. Nimmt man noch hinzu, dass die Populärkultur im Spätkapitalismus dezidiert die Warenform angenommen hatte, erhob sich für Adorno die Frage, wie mit dem historisch manifest gewordenen Grauen umzu- gehen sei, ohne es konsumierbar zu machen; d.h., wie ist die Rezeption von Auschwitz zu handhaben, ohne die Shoah zur Selbstverständlichkeit gerinnen zu lassen? …

ZuckermannMoshe Zuckermann ist Kunsttheoretiker und renommierter Vertreter der Kulturindustriethese der Kritischen Theorie. Seine Kritik findet sich u.a. in dem Essay »Faschismus, autoritärer Charakter und Kulturindustrie«.Foto: Susann Witt-Stahl

CONTRA

Keine Angst vor Pop

Adorno mahnte im Jahr 1949, nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben sei »barbarisch«. Was würde er wohl heu- te angesichts massenpopulärer Kunstformen sagen, die sich Auschwitz einverleiben?

Adornos Diktum erwirkte ein Tabu, das von vielen als Rede und Darstellungsverbot aufgefasst wurde. Heute ist es überwunden: Die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Holocaust zeigt sich in vielen Formen und Formaten. Doch die Debatten um das vermeintlich »angemessene« Darstellen des Holocaust wollen nicht abreißen und haben ein wiederkehrendes »Feindbild« gefunden: die Popkultur. Diese macht auch vor dem dunkelsten aller Kapitel nicht halt und verkauft den Holocaust als Aufmerksamkeitsgaranten. »Darf« sie das?

Sie darf. Und sie sollte. Denn nichts würde der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und dem offenen Sprechen über den Holocaust mehr im Wege stehen als eine (erneute) Tabuisierung. »Raus aus dem Wortknast« – das Credo des Popliteraten Thomas Meinecke gilt nicht auch, sondern gerade hier. …

BwKirstin Frieden forscht u.a. zur Erinnerungskultur in den neuen Medien und der Popkultur. Ihre Dissertation »Neuverhandlungen des Holocaust. Mediale Transformationen des Gedächtnispara digmas« ist 2014 bei transcript erschienen. Foto: privat

Die kompletten Debattenbeiträge lesen Sie in der Melodie und Rhythmus 5/2016, erhältlich ab dem 2. September 2016 am Kiosk, im Bahnhofsbuchhandel oder im Abonnement. Die Ausgabe können Sie auch im M&R-Shop bestellen.

Anzeigen

1.700 Abos jetzt

Stellenausschreibung

Wir suchen für die Redaktion der Kulturzeitschrift Melodie & Rhythmus – Magazin für Gegenkultur zum nächstmöglichen Zeitpunkt eine / einen

Kulturredakteurin
/Kulturredakteur

in Voll- oder Teilzeit


Solidarität mit M&R

DIDF-Jugend unterstützt M&R

Liebe Leserinnen und Leser, Aktive und Herausgeberinnen und Herausgeber
der jungen Welt und der M&R,

ich bin Johanna aus dem SDS der HAW, der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Hamburg. Ich melde mich aus aktuellem Anlass zu Wort, um für die Wiederaufnahme der Melodie & Rhytmus zu sprechen.

weiterlesen
1.700 Abos jetzt
logo-373x100
Facebookhttps://www.facebook.com/melodieundrhythmus20Twitter20rss

Aktuelles

Kulturzeitschrift Melodie & Rhythmus erscheint weiter
Mit einer Crowdfunding-Kampagne schaffen Lesende, Künstler und Verlag Voraussetzungen für die nächsten Ausgaben
29.06.2018
Dein M&R-Abo fehlt!
Neuer Kurs: 1.400 Abonnenten bis zum 14. Juli!
jW, 23.06.2018
Instrument im Kampf gegen Kriege
Bereits 554 Abos für Melodie & Rhythmus – Solikonzert am 22. Juni in der Berliner Wabe
jW, 12.05.2018
Die Waffe der Kritik braucht ein Magazin … Die Waffe der Ideologiekritik braucht ein Magazin
jW, 14.04.2018
Gegen den Massenbetrug Die Waffe der Ideologiekritik braucht ein Magazin
jW, 31.03.2018
Melodie & Rhythmus retten – 1.000 Abos jetzt! jW, 31.03.2018
Sterben Musikzeitschriften aus? Krise und Umbruch
„Musikforum“, „Melodie & Rhythmus“ und die „Österreichische Musikzeitschrift“ - drei traditionsreiche Magazine werden sicher oder möglicherweise eingestellt. Sterben Musikzeitschriften aus? Und liegt die Rettung im Internet? Jan Ritterstaedt hat sich umgehört.
SWR, 22.02.2018

Auslaufmodell Gegenkultur? Zum drohenden Ende von Melodie & Rhythmus
Interview von Deutschlandfunk Kultur mit M&R-Chefredakteurin Susann Witt-Stahl
21.02.2018, mp3

Wundertäter gesucht
Wie Melodie & Rhythmus als Magazin für Gegenkultur doch noch fortgeführt werden könnte
27.01.2018

Treibstoff für große Anstrengungen
Aufgeben – das ginge gar nicht in Zeiten des aufhaltsamen Aufstiegs der AfD und anderer rechter Demagogen, meinen fast alle, denen M&R etwas bedeutet.
27.01.2018

Auf Eis gelegt
Die Produktion von Melodie & Rhythmus, Magazin für Gegenkultur, wird vorerst eingestellt. Einnahmen reichen nicht, um hohe inhaltliche Ansprüche auf Dauer zu finanzieren.
06.01.2018

Zur Ästhetik der Großen Weigerung
Warum eine Gegenkultur auf historisch-materialistischer Basis alternativlos ist
06.01.2018

Pressemitteilung:
Zeitschrift Melodie & Rhythmus vor dem Aus?, 05.01.2018
Anzeige junge Welt
flashback

Melden Sie sich für unseren Newsletter an

Aktuelle Ausgabe bestellen*

1. per Mail: abo@melodieundrhythmus.com
2. per Telefon: 030/ 53 63 55 37
3. per Telefax: 030/ 53 63 55 51
4. per Post: Verlag 8. Mai GmbH, Torstr. 6, 10119 Berlin
5. im M&R-Shop

*Preis 6,90 Euro inkl. 7% MwSt. zzgl. Versand 1,80 Euro

Ältere Ausgaben im M&R-Shop nachbestellen.
M&R Shop