Melodie & Rhythmus

Boykott des Festivals Pop-Kultur in Berlin

26.09.2017 14:29

Boykott des Festivals Pop-Kultur in Berlin

Deutsche Politiker und Medien erheben schwere Vorwürfe gegen beteiligte Musiker

Die Absagen von neun internationalen Bands und Solo-Künstlern beim diesjährigen Pop-Kultur-Festival, das vom 23. bis 25. August in der Berliner Kulturbrauerei stattfand, sorgten für einen handfesten Skandal. Die Musiker hatten ihre Auftritte gecancelt, nachdem bekannt worden war, dass die Israelische Botschaft als offizieller Partner der vom Musicboard des Berliner Senats organisierten Veranstaltung fungierte. »Wir treten für eine friedliche Lösung ein«, begründete die schottische Hip-Hop-Formation Young Fathers ihren Rückzug und forderte Gerechtigkeit für die von Israel unterdrückten Palästinenser.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) bezeichnete das Verhalten der Musiker als »absolut unerträglich« und sprach von »antiisraelischer Hetze«. Kritische Künstler und Kulturschaffende, beispielsweise von der Initiative Artists for Palestine UK, meinen dagegen, die Netanjahu-Regierung versuche, ihre Besatzungspolitik durch »Brand Israel«-Offensiven »weißzuwaschen«, und rufen zur Solidarität mit der Kampagne Boycott, Divestment and Sanctions (BDS) auf. Unterstützt, zum Teil mit organisiert, werden ihre Proteste auch von zahlreichen jüdischen Organisationen wie Free Speech on Israel oder Union Juive Française Pour La Paix.

Einige von ihnen äußerten sich sehr besorgt über wachsende repressive Tendenzen in der deutschen Debattenkultur und nannten die wütenden Reaktionen der Veranstalter des Pop-Kultur-Festivals wie von Medien und Politikern – darunter der Berliner Kultursenator Klaus Lederer (Die Linke) – als Beispiel. Dass vor allem die am Boykott beteiligten arabischen Musiker mit Antisemitismusvorwürfen und anderen nicht haltbaren Anschuldigungen »drangsaliert« würden, sei »bestürzend«, heißt es in einer Stellungnahme der Jüdischen Stimme für gerechten Frieden in Nahost.

red

Friedlicher Widerstand

Ein Kommentar von Rehab Nazzal

Kultur ist eine wichtige Sphäre für politische Auseinandersetzungen. Seit 70 Jahren versagen Regierungen dabei, die Grundrechte der Palästinenser auf Gleichheit, Würde und Rückkehr in ihr Land zu verteidigen. Der Boykott internationaler, von Israel gesponserter Kulturveranstaltungen ist eine effektive und friedliche Form des Widerstands gegen koloniale Unterdrückung und Apartheid – bis endlich das Völkerrecht geachtet wird.

Der Boykott des Pop-Kultur-Festivals in Berlin repräsentiert die Haltung vieler Kulturschaffender weltweit. Die Antisemitismusvorwürfe durch die israelische Regierung und ihre Pressure-Groups gegen die beteiligten Musiker führen nicht nur in die Irre (weil das Judentum fälschlicherweise mit der zionistischen Ideologie gleichgesetzt wird), sondern sind auch ein Angriff auf die Meinungsfreiheit: ein Versuch, den Aggressor als Opfer darzustellen und zu leugnen, dass viele jüdische Künstler Unterstützer der BDS-Kampagne sind.

Israel nutzt immer wieder internationale Kulturbühnen, um von seinen Verbrechen abzulenken – beispielsweise 2009: Kurz nach der Militäroffensive im Gazastreifen strengte seine Botschaft in Kanada eine Partnerschaft mit dem Toronto International Film Festival (TIFF) an, um ein feierliches »Spotlight on Tel Aviv« zu zelebrieren. Der israelische Generalkonsul nannte das TIFF »einen Testmarkt für die Marke Israel«.
Israel ist bemüht, arabische Narrative zu zensieren. Als palästinensische Kanadierin war ich mit diesem Vorgehen schon öfters konfrontiert. 2014 wurde meine Ausstellung »Invisible« über den palästinensischen Widerstandskampf gegen die Besatzung von dem israelischen Botschafter in Kanada unter dem Vorwurf einer »Glorifizierung des Terrors« angegriffen. Zionistische Gruppen und neokonservative Politiker bedrängten Ottawas Bürgermeister, sie zu schließen, und ich selbst wurde Zielscheibe einer wochenlangen Hetzkampagne in der Mainstream-Presse.

Während kritische Künstler wegen ihres Engagements für den friedlichen Boykott diffamiert werden, hält Israel sein rassistisches System aufrecht, das mit Checkpoints und Freiluftgefängnissen die palästinensische Gesellschaft zerstört und Tausende von Menschen, auch Kinder, inhaftiert. Daher sollte unsere Frage nicht lauten, warum kritische Kunst für Gerechtigkeit Position bezieht, sondern warum westliche Kulturinstitutionen Partnerschaften mit unterdrückerischen Kolonialmächten eingehen.

Rehab Nazzal ist multidisziplinäre Künstlerin aus Palästina. Sie lebt in Toronto und Bethlehem. Ihre Werke beschäftigen sich mit Kolonialismus und der Gewalt des Krieges.

Der Beitrag erscheint in der Melodie & Rhythmus 4/2017, erhältlich ab dem 29. September 2017 am Kiosk, im Bahnhofsbuchhandel oder im Abonnement. Die Ausgabe können Sie auch im M&R-Shop bestellen.

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