Melodie & Rhythmus

Indigene Musik und der Westen

23.06.2015 14:40
Foto: AKG Images

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Kultureller Austausch oder Fortschreibung kolonialer Machtverhältnisse?

In Jean Gilberts Operette »Puppchen« (1912) heißt es über Carl Hagenbeck: »Er holt Löwen, Panther, Rinder / Aus dem tiefsten Urwald raus / Und mit ein paar olle Inder / Stellt er sie dann aus!« Hagenbecks Tierpark war berühmt für seine Völkerschauen. Lappen, Afrikaner, Native Americans musizierten und tanzten für die Besucher. Die Zurschaustellung des Exotischen sollte nicht zuletzt die Überlegenheit der »zivilisierten Welt« demonstrieren. Ist dieser Kulturchauvinismus im Musikbetrieb heute überwunden, oder findet er durch die Adaption indigener Musik seine moderne Übersetzung? Natürlich kann dabei nicht pauschal von (Neo-)Kolonialismus die Rede sein. Aber Kritiker der »Weltmusik« etwa sehen in dieser Form von Kulturimport eine gewisse Kontinuität kolonialer Beziehungen: Afrika, Asien und Lateinamerika lieferten den Rohstoff, während Europa produziere und konsumiere. Wir lassen die These diskutieren:

Die Aneignung indigener Musik durch die westliche Kultur hat bis heute koloniale Züge

PRO

Bitterer Beigeschmack

Der Kolonialismus der Neuzeit war geprägt von Gewaltexzessen und Despotismus gegenüber den indigenen Völkern dieser Welt. Der seit Mitte des 19. Jahrhunderts entstehenden Musikethnologie kann man an jenen Auswüchsen freilich keine unmittelbare Komplizenschaft unterstellen. Gleichwohl waren die Wissenschaftler geprägt von einetm »kolonialistischen Zeitgeist«. So sahen Vertreter der deutschsprachigen vergleichenden Musikwissenschaft (heute: Musikethnologie) die Musik anderer Völker als Vorstufen der eigenen »musikalischen Hochkultur«.

Klaus NaehmannKlaus Näumann ist Musikethnologe und am Institut für Europäische Musikethnologie der Universität Köln tätig. Er führte musikethnologische Feldforschungen in Osteuropa und der Karibik durch. 2013 erschien seine Habilitationsschrift (»… und sie singen, tanzen und musizieren noch …«) über die Musik der deutschen Minderheit in Polen.
Foto: Peter Moormann

CONTRA

Wer profitiert von wem?

Kulturen haben sich seit Menschengedenken ausgetauscht und gegenseitig beeinflusst, sei es durch Handel, Krieg oder Migration. Kulturgüter sind durch Territorien und Zeiten gewandert. Das Gleiche gilt für die Ausbreitung musikalischer Strukturen. Dass dabei Machtverhältnisse eine Rolle spielten, ist unbestritten. Vor diesem historischen Hintergrund mag es zunächst verwundern, wenn ich jetzt behaupte, dass die Aneignung indigener Musik durch die westliche Kultur nicht mit Kolonialismus gleichzusetzen ist. Ohne die katastrophalen Folgen des europäischen Kolonialismus verharmlosen zu wollen, bin ich doch der Meinung, dass oben genannte These selbst paternalistische, ja sogar die gleichen rassistischen Züge aufweist, die sie zu entlarven versucht.

Julio MendívilJulio Mendívil ist Charango-Virtuose, Band-Leader, Schriftsteller und Hochschuldozent für Musikethnologie aus Lima. Zurzeit ist er Sprecher der Fachgruppe Musikethnologie der Gesellschaft für Musikforschung und Direktor des Center for World Music der Universität Hildesheim.
Foto: privat

Die komplette Diskussion lesen Sie in der Melodie und Rhythmus 4/2015, erhältlich ab dem 26. Juni 2015 am Kiosk, im Bahnhofsbuchhandel oder im Abonnement. Die Ausgabe können Sie auch im M&R-Shop bestellen.

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