Melodie & Rhythmus

Aufrichtige Sinnsuche

23.06.2015 14:04
Foto: Tim Seger

Foto: Tim Seger

Elias Gottstein wagt einen authentischen Neuanfang

Christoph Schrag

Mit zwei selbst getunten Lastenrädern, seinem Kumpel Carl Luis Zielke und einem Haufen guter Musik ist Elias Gottstein jahrelang durch die Republik gezogen. Und das gern ohne Schuhe und ohne Haustürschlüssel. Ihre Soundanlage auf Speichen rollten sie über die Straßen, ohne genau zu wissen, wo es als nächstes hingehen soll. Sie spielten spontane und geplante Gigs, in den Städten, auf dem Land. Dieser alles andere als geradlinige Werdegang hat Elias Gottstein in die Musikindustrie und nun wieder mehr zu sich selbst geführt. Nach einem Album der beiden, das bei einer großen Firma erschien, hat der Mann jetzt eine neue Platte veröffentlicht – solo und auf dem eigenen Label.

Das einzige Bild, das viele von Elias Gottstein haben dürften, ist, wie er mit seiner Gitarre das Fernsehstudio von Stefan Raab zerlegt. Das war beim Bundesvision Song Contest 2013, als er noch mit eben jenem Straßenmusik-Duo Guaia Guaia für Mecklenburg-Vorpommern antrat. Weder ihr Song noch ihr explosiver Auftritt zündeten beim Fernsehpublikum: Die beiden belegten den letzten Platz. Offensichtlich war ihre Botschaft der Spontaneität, Freiheit und Zügellosigkeit nicht angekommen. Oder sie hatten sie nicht ausreichend frankiert abgeschickt.

Rewind – noch ein paar Jahre zurück: Elias und sein Kumpel hatten gerade die Schule in Neubrandenburg abgebrochen und waren nach Frankfurt am Main gezogen, um nur noch Musik zu machen. Inspiriert von einer Dokumentation über Straßenmusiker, fiel hier nach einer Weile die Entscheidung, sich komplett dem Leben auf der Walz hinzugeben. Sie kündigten ihre Wohnung und wurden so freiwillig obdachlos. Ironie des Schicksals, dass es nicht lange dauerte, bis die beiden auf einmal Hauptfiguren in einer Doku wurden, die von ihrem ungestümen Leben auf der Straße handelte. Ihre Musik, ihr Lebensstil und der Fame, den sie damit bekamen, mündeten dann in einen Plattenvertrag mit einem großen Label – Debütalbum und Bundesvision-Song-Contest-Debakel inklusive.

Inzwischen wohnt Elias in Berlin, wo er jetzt auch sein eigenes Album veröffentlicht hat. »Wofür soll mein Herz schlagen« heißt es, und es deckt den ganzen Fragenkatalog ab, den Elias ans Leben und an die Welt hat. Mit einer Mischung aus Leidenschaft, Resignation und letzter Hoffnung in der Stimme verzweifelt er etwa an der Diktatur des Wachstums, staunt verwundert über den Verlust von Idealen – oder dokumentiert sanft, aber klar den Zerfall von Beziehungen. Doch auch wenn seine Songs manchmal in der Mitte vor Ratlosigkeit einfach abzubrechen scheinen, findet Elias immer wieder zu einer Kraft zurück, die mal unschuldig und mal zwingend für die Haltung eintritt, dass ein gutes Leben für alle doch eigentlich so einfach sein könnte. Der Sound seiner aufrichtigen Sinnsuche ist ein mutiges Forschen aus Samples und Instrumenten, die aufeinander herumtoben, einander unterbrechen oder auflösen, sich zur wuchtigen Welle auftürmen und immer wieder zu einer warmen Hängematte verwoben werden. Es scheint, als sei Elias noch immer barfuß unterwegs. Für uns. Denn einer muss nachspüren, wie harter Asphalt und weiches Gras sich an den nackten Sohlen anfühlen.

Elias Gottstein Wofür soll mein Herz schlagen
Isle of Guaia
www.elias.dance

Der Beitrag erscheint in der Melodie und Rhythmus 4/2015, erhältlich ab dem 26. Juni 2015 am Kiosk, im Bahnhofsbuchhandel oder im Abonnement. Die Ausgabe können Sie auch im M&R-Shop bestellen.

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