Melodie & Rhythmus

Standpunkte: Politisch engagierte Musik

23.06.2014 14:17

Kräftiges Klassenkampfbekenntnis oder Konsum des Entsetzens?

An der Frage nach Sinn und Unsinn politisch engagierter Popmusik scheiden sich in der Linken die Geister. Der Soziologe Theodor W. Adorno war der Meinung, dass »alle Versuche, politischen Protest mit Popular Music zusammenzubringen, zum Scheitern verurteilt sind«, weil letztere viel zu eng mit »dem Warencharakter, mit dem Amüsement« verbunden sei. Wenn auf eine oftmals »schnulzenhafte Musik« etwa gesungen werde, dass Vietnam nicht zu ertragen sei, dann werde lediglich »das Entsetzliche konsumierbar gemacht«. Andere dagegen mögen sich gar nicht vorstellen, politische Kämpfe ohne einen Soundtrack gewinnen zu können. Der »Revolutionsgesang« sei »ein kräftiges, in Rhythmen gefasstes Klassenkampfbekenntnis«, schwärmte der Dichter Johannes R. Becher.
M&R konsultierte zwei Experten, deren Blickwinkel divergenter kaum sein können: Der eine praktiziert politische Musik, lebt und atmet sie; der andere setzt sich theoretisch damit auseinander und beäugt sie mit kritischer Distanz. Wir konfrontierten sie mit der These:

Politisch engagierte Musik kann die Welt verändern

PRO
Musik verleiht den Menschen Kraft zum Widerstand

Vielleicht bin ich einer der wenigen, die definitiv der Meinung sind, dass engagierte Kunst die Welt verändern kann und sie auch schon verändert hat. Ein Blick in die Historie kann erklären, warum ich diese etwas solitäre Position vertrete. Selbstverständlich gehen wir heute davon aus, dass wir in einem sehr ungerechten Gesellschaftssystem leben. Daher scheint die These nachvollziehbar, die engagierte Kunst habe nichts bewirkt.

Seit den 1970er-Jahren mussten wir erleben, dass Individuen, Meinungen, ganze Bewegungen und auch die Kunst eingekauft worden sind. Die Macht des Erfolgs und des Geldes ist verführerisch – darin unterscheiden sich Musiker nicht von Politikern und Wirtschaftsbossen – und verändert auch die engagiertesten. …

KonstantinWeckerKonstantin Wecker
ist politischer Liedermacher,
Komponist, Schauspieler und Autor.
Jüngst erschien sein neues Buch »Mönch & Krieger«

CONTRA
Politische Popmusik tut dem Kapitalismus nicht wirklich weh

Egal, ob Hippies oder Punks, ob Hausbesetzer oder Atomkraftgegner, ob Arbeiter- oder Frauenbewegung: Sie alle haben politisches Liedgut hervorgebracht. Doch wäre mir keine soziale Bewegung bekannt, an deren Anfang ein Song gestanden hätte. Auch in den Charts wird mitunter kräftig bis heftig politisiert. Mir ist allerdings kein Stück bekannt, das in irgendeiner Form je weltverändernde Wirkung auch nur ansatzweise hätte entfalten können. Und was die alljährlichen Spendenaufrufe der politisch engagierten Prominenz tatsächlich bringen – wer weiß das schon. Nicht viel scheinbar, wenn man sich so umsieht. …

MarvinChladaMarvin Chlada
ist Kulturwissenschaftler, Autor u.a. von »Pop-Analysen«
und Musiker. Aktuell arbeitet er an einem Buch
über den Frühsozialisten Charles Fourier

Die kompletten Debattenbeiträge lesen Sie in der M&R 4/2014, erhältlich ab dem 27. Juni 2014 am Kiosk, im Bahnhofsbuchhandel oder im Abonnement. Die Ausgabe können Sie auch im M&R-Shop bestellen.

 

Ähnliche Artikel:

Anzeigen

Che: Die ersten Jahre

flashback
logo-373x100
Facebookhttps://www.facebook.com/melodieundrhythmus20Twitter20rss

Jetzt am Kiosk!

Anzeige Rosa-Luxemburg-Konferenz

Melden Sie sich für unseren Newsletter an

M&R Aktuell

zuckermann

Deutsche Abgründe


Ein kleiner Schritt für Frankfurts Bürgermeister, ein großer Sprung für deutsche Normalisierer: Uwe Becker (CDU) demonstriert neues-altes Selbstbewusstsein und erklärt jüdische und andere Israelkritiker kurzerhand für »nicht willkommen« in seiner Stadt. Zu den unerwünschten Personen gehört der israelische Historiker und Sohn von Holocaust-Überlebenden Moshe Zuckermann, der in Frankfurt aufgewachsen ist. M&R bat ihn um eine Replik.

»Entscheidend ist, welche Haltung wir einnehmen«


Gespräch mit Susann Witt-Stahl. Über Gegenkultur, Ideologiekritik und notwendige neue Impulse für den Kulturjournalismus
Aus: junge Welt vom 25.03.2017, Wochenendbeilage

Aktuelle Ausgabe bestellen*

1. per Mail: abo@melodieundrhythmus.com
2. per Telefon: 030/ 53 63 55 37
3. per Telefax: 030/ 53 63 55 51
4. per Post: Verlag 8. Mai GmbH, Torstr. 6, 10119 Berlin
5. im M&R-Shop

*Preis 6,90 Euro inkl. 7% MwSt. zzgl. Versand 1,80 Euro

Ältere Ausgaben im M&R-Shop nachbestellen.
M&R Shop

M&R im Interview

Gespräch mit Susann Witt-Stahl:
Kritischer Musikjournalismus in ideologisch angespannter Zeit.

Interview lesen
 
Gespräch mit Susann Witt-Stahl:
Über die neu ­gestaltete Musikzeitschrift Melodie und Rhythmus, Walter Ulbricht und Iron Maiden, Rock’n’Roll und Krieg, marxistische Ästhetik und Neoliberalismus, Straßen-Rap und Adorno.

Interview lesen
 
"Wir frönen nicht irgendeiner Nostalgie"
Ein politisches Musikmagazin mit DDR-Wurzeln erfindet sich neu: Melodie & Rhythmus (M&R) hat seinen Look und seine Inhalte überarbeitet. medienmilch.de sprach mit der Chefredakteurin Susann Witt-Stahl über die Details: Interview lesen
 
• Wie sich Musik und Politik vereinbaren lassen, behandelt das Magazin “Melodie & Rhythmus” in seiner aktuellen Ausgabe. Radio F.R.E.I. hat mit der Chefredakteurin Susann Witt-Stahl gesprochen.
Radiointerview anhören