Melodie & Rhythmus

Editorial: Auf dem richtigen Weg

23.06.2014 14:31

Editorial

Das war wirklich ein geglückter Neustart der M&R. Wir haben viel positive Resonanz bekommen. Von euphorischen Aussagen, wie »so ein Popmagazin gibt es auf der ganzen Welt nicht, weiter so!«, bis zu den Hunderten neuer Abonnenten, die wir schon für die erste Ausgabe der M&R nach ihrem Relaunch verzeichnen dürfen: Das alles ist natürlich Treibstoff für uns. Gleiches gilt übrigens für die wenigen Verbalinjurien, die wir für unsere »rote Gesinnung« (übrigens sehr gern!) eingesteckt haben. Auch das ist ein untrügliches Zeichen, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Den wollen wir auch gleich weiter beschreiten – ideologiekritisch eng am Puls des aktuellen Zeitgeschehens.

Rund um die Fußball-WM in Brasilien liegt nicht nur Musik in der Luft, sondern auch Protest. Kritische Fans machen gewaltig Radau auf der Straße. Der übertrifft die 120-Vuvuzela-Dezibel von Südafrika 2010 erheblich. Es wird aber auch gesungen und getrommelt in der ehemaligen portugiesischen Kolonie, wo unzählige verschleppte Afrikaner ein elendes Dasein als Sklaven fristen mussten und die Indigenen bis heute unterdrückt werden. Sie alle machten auch und vielleicht gerade deshalb Musik. Ein Melting-Pot der Klänge entstand: Samba, Bossa Nova, Punk, Mangue Beat, Baile Funk …

M&R hörte sich in Brasilien um und entdeckte das Girl von Ipanema neu und dessen musik-revolutionäre Rolle in den 1960ern. Dann 1980 jene legendäre Begegnung der Musiklegenden Chico Buarque und Bob Marley auf dem Fußballplatz: A Banda trifft Buffalo Soldier. Mit dabei: Ratos de Porão, die »Kellerratten«-Punks aus der Großstadt. Auch Erinnerungen an die »bleierne Zeit« der Diktatur, als die Instrumente schwiegen und die Musikanten ins Exil getrieben wurden.

M&R zog für ihre Hochsommer-Ausgabe auch in den Norden Amerikas. Sie stellt New Yorker Künstler vor, die mit ihren Projekten der fortschreitenden Gentrifizierung trotzen. Aber wir schweifen nicht nur in die westliche Ferne: Russische Künstler sprechen über den sich allmählich zum Bürgerkrieg ausweitenden Konflikt in der Ukraine, die nicht selten kritikwürdige Rolle der Musik, aber auch über deren versöhnende Potentiale.

Schon vor hundert Jahren war Musik eine effiziente Kriegswaffe. Historiker analysieren in diesen Tagen mehr oder weniger qualifiziert den ersten industriell betriebenen Massenmord und -totschlag. M&R widmet sich endlich einmal der Popkultur, die »für Kaiser, Gott und Vaterland« Millionen junger Männer auf die Schlachtfelder an der Marne und bei Tannenberg gelockt hatte. »Der Soldate«, hieß es damals in einem Couplet, »ist der schönste Mann bei uns im Staate.«

Die penetranten Lautsprecher des westlichen Chauvinismus und antirussischer Ressentiments, die den Eurovision Song Contest (ESC) 2014 instrumentalisiert und die Beiträge übertönt haben, bekommen von M&R die schonungslose Kritik, die sie verdienen. Und die Siegerin, Conchita Wurst, hat zwar für große Furore gesorgt – aber weniger mit ihrer Musik als mit ihrem Styling. Moshe Zuckermann erklärt, was von ihrem Song »Rise Like a Phoenix« bleibt, wenn der Bart ab ist.

Also, es besteht nicht die geringste Gefahr, dass M&R ins Sommerloch fallen wird …

Susann Witt-Stahl
Chefredakteurin M&R

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