Melodie & Rhythmus

Eine verschleierte Welt

23.06.2020 14:22
Foto: Sven Ehlers

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Gespräch mit Michael Hartmann über Macht, Ideologie und Manipulationsstrategien der ökonomischen Eliten

Agenda Aufklärung wider den reaktionären Zeitgeist. Wir geben uns die Ehre und laden Künstler und Intellektuelle zum Kritischen Duett mit der M&R-Redaktion über ein aktuelles Thema.

Der Sozialwissenschaftler Michael Hartmann ist der wohl bekannteste Elitenforscher der Bundesrepublik. Nach eigenen Angaben selbst aus der Mittelschicht stammend, forscht und publiziert der mittlerweile emeritierte Professor seit Jahrzehnten zum Wesen, der Zusammensetzung, den Netzwerken und dem Wirken der Eliten. So auch in seinem jüngsten Buch »Die Abgehobenen. Wie die Eliten die Demokratie gefährden« (2018), in dem er die von der zunehmend skrupellosen Kapitalistenklasse forcierte Verarmungspolitik als Nährboden für die reaktionäre Scheinopposition rechter Populisten untersucht. M&R lud ihn zu einem gemeinsamen Exkurs über das Verhältnis zwischen Elite und herrschender Klasse, deren Verschleierungsideologien, richtige und falsche Elitenkritik ein. Das Gespräch führten Susann Witt-Stahl und John Lütten.

Die soziale Polarisierung der Gesellschaft hat sich auch vor Corona schon seit Jahren verstärkt. Die Kapitalbesitzer wurden reicher, die Lohnabhängigen noch ärmer. Dennoch werden die Klassenverhältnisse kaum öffentlich kritisiert, und es scheint, den Beherrschten fehlten heute auch die Begriffe, um die Herrschenden zu identifizieren. In Ihrem Buch »Die Abgehobenen« betonen Sie, es mache einen Unterschied, ob wir von einer »Elite« oder »Eliten« im Plural sprechen, denn nicht alle Eliten seien gleichermaßen homogen zusammengesetzt und mit Macht ausgestattet – vor allem müssten »Eliten« wiederum von der »herrschenden Klasse« unterschieden werden. Wer genau gibt denn nun den Ton an?

Auf längere Sicht ist das immer die herrschende Klasse. Damit meine ich allerdings nicht einfach die Kapitalisten. Ich stimme hier der Kritik von C. Wright Mills zu, der davor gewarnt hatte, »ökonomisch herrschend« einfach mit »politisch herrschend« gleichzusetzen und damit die Autonomie der politischen Elite zu unterschätzen. Zur herrschenden Klasse zählen für mich natürlich die großen Kapitaleigner. Dazu kommen dann die Personen, die Spitzenpositionen in den verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen über lange Zeit besetzen wie etwa Wolfgang Schäuble in der Politik. Was die herrschende Klasse von Eliten unterscheidet, sind zwei Punkte: Sie ist in sich viel homogener, und die Zugehörigkeit zu ihr ist sehr viel dauerhafter. Eine Eliteposition als Minister oder Chefredakteur kann man auch nur für eine kurze Zeit, zum Beispiel zwei Jahre, innehaben. Mitglied der herrschenden Klasse ist man in der Regel über Jahrzehnte. Außerdem ist der Zusammenhang innerhalb dieser Klasse durch die dauerhaften Kontakte untereinander und die oft gleiche oder zumindest sehr ähnliche soziale Herkunft sehr viel enger. Wenn man von einer Elite statt von Eliten spricht, ist das bis auf die Dauer der Zugehörigkeit dasselbe. Von allen Industriestaaten kommt aber nur Frankreich diesem Typus nahe, da die große Mehrzahl der Elitemitglieder durch die sehr exklusive soziale Rekrutierung, die Ausbildung an kleinen Elitehochschulen und den stetigen Wechsel zwischen verschiedenen Sektoren eine erheblich größere Homogenität aufweist als die Eliten in Ländern wie Deutschland oder gar Skandinavien. Emmanuel Macron ist ein Prototyp dieses Systems – von der großbürgerlichen Herkunft über die Eliteausbildung bis hin zur Karriere durch Spitzenpositionen in verschiedenen Sektoren. Die Unterscheidung zwischen herrschender Klasse, Elite und Eliten ist politisch wichtig, weil sie für die Linke Handlungsspielräume innerhalb kapitalistischer Gesellschaften aufzeigt.

Nicht umsonst ist die Elitendebatte hochgradig ideologisch aufgeladen – und die herrschende Klasse und die Eliten, ebenso deren interessenvertretende Wissenschaftler, Journalisten etc., sind bemüht, die Existenz von einem Oben und einem Unten in der kapitalistischen Gesellschaft zu verschleiern. Schon Charles Wright Mills sah sich in den 1950er-Jahren während des Kalten Krieges mit einem liberalistischen »romantischen Pluralismus« konfrontiert, der von antimarxistischen Soziologen wie David Riesman verfochten wurde und allen Ernstes ein hierarchiefreies »Kräftegleichgewicht« als zentrales Strukturmerkmal der US-Gesellschaft ausmachen wollte. Wie ist es heute, 20 Jahre nachdem der realsozialistische Erzfeind im Osten niedergerungen wurde – hat sich der »Elitenstreit« eher beruhigt oder verschärft?

Nach meinem Eindruck hat er sich eher beruhigt. Es gibt unter den Wissenschaftlern, die sich mit den Eliten beschäftigen, so etwas wie eine »friedliche Koexistenz«. …

Das komplette Interview erscheint in der Melodie & Rhythmus 2/2020, erhältlich ab dem 26. Juni 2020 am Kiosk, im Bahnhofsbuchhandel oder im Abonnement. Die Ausgabe können Sie auch im M&R-Shop bestellen.

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