Melodie & Rhythmus

Poesie der Unbeugsamen

11.06.2019 13:23

editorial

Ein gesenktes Haupt wird nicht abgehauen. So lautet ein türkisches Sprichwort. Es erklärt, warum unter den Militärregierungen in der Vergangenheit und heute unter Erdoğans konservativ-islamischer Präsidialdiktatur so viele »Köpfe rollen«, Revolutionäre und andere Oppositionelle im Gefängnis landen, gefoltert, sogar ermordet werden: Offenbar sind viele trotz der nicht enden wollenden Repressionswellen unbeugsam geblieben. Diese lange Tradition des Widerstands, auch das Gedenken an die Opfer, die er immer wieder fordert, haben eine reiche Poesie hervorgebracht. Aber obwohl Türkeistämmige und türkische Exilanten, darunter viele Kurden, das größte migrantische Kollektiv in Deutschland bilden, findet ihre Kultur, vor allem ihre Kunst, nach mehr als 60 Jahren Einwanderungsgeschichte weder in unserer Lebenswelt noch im Feuilleton einen würdigen Platz. Auch ein Grund dafür, dass sich viele Türkeistämmige ausgegrenzt fühlen und genau die Kluft bleibt und sich noch weiter vertieft, in die deutsche, aber auch türkische Nationalisten und andere Rechte ihre Ressentiments und rassistische Saat streuen können.

Schon allein deshalb dürfen wir die Spaltung nicht hinnehmen. Es ist sicher keine Lösung, das Integrations-Mantra der mit Erdoğan durch NATO-Partnerschaft und einen schmutzigen Flüchtlingsdeal unter einer Decke steckenden Bundesregierung nachzubeten. Denn es besteht vorwiegend aus Anpassungsdiktaten und ist von westlichem Kulturchauvinismus durchwirkt – der übrigens auch im hiesigen linken Milieu immer mehr Verbreitung findet: durch Hetze gegen Menschen aus muslimisch geprägten Regionen und falsche Projektionen, die jedem Ausdruck von Heimweh eines Exilanten oder anderer Migranten eine »antizivilisatorische Regression« unterstellen. Nâzım Hikmet (1902–1963), türkischer Dichter und ausgebürgerter Kommunist, würde heute für Zeilen wie »Meine Heimat, o meine Heimat, meine Heimat/ Es blieb mir nicht einmal eine Mütze übrig von deiner Hand/ Kein Schuh mit deiner Erde« von deutschbefindlichen »Antinationalen« der Verbreitung von »Blut-und-Boden«-Propaganda geziehen.

Wir müssen einen ganz anderen, den Weg eines emanzipativen Verständnisses von Integration, vor allem der Solidarität gehen – und zwar gemeinsam. Wir brauchen mehr Wissen übereinander, mehr Verständigung, mehr Kooperation und Zusammenhalt, wir müssen Seite an Seite kämpfen – also proletarischen Internationalismus wieder Praxis werden lassen. Wenn M&R als Magazin für Gegenkultur eine Ausgabe mit dem Titel »Türkei« herausbringt, heißt das konkret: Wir reden nicht nur über Literatur, Musik, Malerei, Filme, Fotografie und politische Kultur in dem Land – wir laden türkische und türkeistämmige Journalisten, Künstler und Intellektuelle ein, uns ihre eigenen Analysen zu präsentieren, ihre Meinungen zu sagen und ihre Geschichten, inklusive des Leids und des Schmerzes, zu erzählen und mit M&R in einen intensiven Austausch zu treten. Das gilt beispielsweise für die Kollegen der seit 2016 in der Türkei verbotenen Kulturzeitschrift Evrensel Kültür (die heute in dem neuen Projekt Yeni E weiterarbeiten) und natürlich auch für ihre Leser.

Sevgil dostlar ve yoldaşlar, hoşgeldiniz – herzlich willkommen, liebe Freunde und Genossen!

Susann Witt-Stahl
Chefredakteurin M&R

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