Melodie & Rhythmus

Erdoğans »Kulturkrieg«

11.06.2019 13:13
Demonstration gegen die Festnahme von Redaktionsmitgliedern der Zeitung Cumhuriyet am 1. November 2016 in Istanbul Foto: dpa / Jan Kuhlmann

Demonstration gegen die Festnahme von Redaktionsmitgliedern der Zeitung Cumhuriyet am 1. November 2016 in Istanbul
Foto: dpa / Jan Kuhlmann

Wie der türkische Staat kritische Medien, Intellektuelle und Kunstschaffende zum Schweigen bringt

Bahadir Özgür*

Die aktuelle Diskussion über den Kampf um kulturelle Hegemonie in der Türkei begann 2017 mit einer Äußerung von Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan: »Wir sind seit 14 Jahren ununterbrochen an der Macht. Aber wir haben noch immer nicht die Herrschaft im sozialen und kulturellen Bereich errungen.« Für islamistische Zirkel stellt Kultur eine institutionelle Landschaft dar, die es zu erobern gilt. Das Ringen um die kulturelle Deutungshoheit wird zu einem Anliegen der nationalen Sicherheit erhoben: »Fremde« und »elitäre« Elemente bedrohen angeblich die »heimischen« Kräfte. Hegemonie zu gewinnen, bedeutet für islamistische Politiker – mehr noch als die Einflussnahme auf ideologischer Ebene – die Übernahme politischer Ämter.

Für die AKP, die ideologisch in den antikommunistischen islamistischen Bewegungen der 1970er-Jahre wurzelt, zielt das Streben nach kultureller Hegemonie nicht auf die Entwicklung einer eigenen Kultur ab, sondern darauf, sich des bereits Vorhandenen zu bemächtigen. Erdoğans oben zitierte Worte sind also nicht als Kritik an mangelnder intellektueller Leistung misszuverstehen. Sie dienen als Warnung an seine Parteifreunde, die zu großen Teilen besiegt geglaubten Vertreter der kemalistischen Ordnung könnten auf dem Gebiet von Kunst und Kultur weiterhin die Fäden in der Hand halten. Zensur in den Medien, Bedrohung und Inhaftierung von Intellektuellen, Schriftstellern, Filmemachern, Schauspielern und Malern sowie das Entfernen von missliebigem akademischen Personal sind die Folgen einer an diesem Verständnis ausgerichteten Politik.

*Bahadır Özgür ist Politikwissenschaftler und Journalist. Er war tätig für Evrensel, Referans und Radikal. Zurzeit schreibt er für die Online-Zeitung Gazete Duvar.
Übersetzung: Sedat Kaya

Der komplette Beitrag erscheint in der Melodie & Rhythmus 3/2019, erhältlich ab dem 14. Juni 2019 am Kiosk, im Bahnhofsbuchhandel oder im Abonnement. Die Ausgabe können Sie auch im M&R-Shop bestellen.

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