Melodie & Rhythmus

Schlechte Kunst im besten Sinne

27.06.2017 14:14
Unterstützer-Treffen in Belgien 2016

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Foto: Natalia Medina

Die Plattform Bad Art will politisch aktive Künstler international vernetzen

»Bad Art« – so nennt sich ein Netzwerk linker Kulturschaffender, dessen Ursprung nicht zufällig im katalonischen Badalona zu finden ist. Weil viele jenseits der etablierten Institutionen arbeitende Künstler sich die Mieten im schicken Barcelona nicht leisten können, sind sie in die nordöstlich gelegene Industriestadt ausgewichen, wo sich mittlerweile eine florierende Kunstszene mit interdisziplinären Werkstätten entwickelt hat. Die dortigen Kulturschaffenden fordern den hoch kommerzialisierten Gaudí-Kult der Nachbarstadt heraus, indem sie sich Barcelonas Innenstadt als Ausstellungsfläche für ihre eigene Kunst aneignen: Wandbilder, Gemälde aus verschiedensten Materialien, an Straßenecken errichtete Skulpturen – emphatischer Ausdruck einer Gegenkultur, die Skulpturenbauer Rob MacDonald, der Initiator von Bad Art, nun auf internationaler Ebene zu verankern sucht.

Der Name selbst verweist also zum einen auf den Gründungsort Badalona, hinterfragt zum anderen in der Affirmation des eigenen Schaffens als »schlechte Kunst« die herrschenden Bewertungskriterien künstlerischer Qualität. »Gute Kunst im Kapitalismus ist das, was sich verkauft, was in den Mainstream- Medien angenommen wird. Die Kategorien ›gut‹ und ›schlecht‹ unterliegen der Einschätzung der Herrschenden. Wenn du nicht an der Kunsthochschule warst, sollst du auch davon abgehalten werden, eigene Sachen zu machen. Unser Anspruch dagegen lautet: Kunst ist das, was alle machen können sollten. Das heißt, keiner soll ausgeschlossen werden«, erklärt René Kiesel, Koordinator des deutschen Zweigs von Bad Art. Ziel ist es, Künstler aus ihrem individualistischen Eigenbrötlertum herauszuholen, um in gemeinsamer Selbstorganisation revolutionäre Ideen voranzutreiben. »Wir leben in einer Situation, die sowohl für Kunstschaffende extrem unbefriedigend ist als auch für Arbeiter – wir müssen die künstliche Trennung aufheben und gemeinsam für eine Verbesserung der Lage kämpfen.«

Bad Art will Flagge zeigen gegen die Auswirkungen der neoliberalen Agenda auf den Kunst- und Kulturbereich, allen voran gegen Rotstiftpolitik und fortlaufende Privatisierung. »Eine freie Kunst gibt es nur, wenn der Kapitalismus abgeschafft ist«, konstatiert Kiesel. »Dennoch müssen wir für offensive Forderungen eintreten: höhere Vergütung für Beschäftigte in dem Bereich, freien Zugang zu Museen, eine gute kostenlose Bildung und Arbeitszeitverkürzung.« Solange ein programmatisches Manifest noch aussteht, leistet das Bad Art Magazine intellektuelle Vorarbeit, indem es Erfahrungsberichte aus kreativen Lebenswelten mit hintergründigen Leitartikeln vereint. Die Idee zu einer »nullten« Ausgabe entstand 2016 am Rande der vom trotzkistischen Komitee für eine Arbeiterinternationale veranstalteten Sommerschule. Mitte Juli wird die offizielle Ausgabe Nummer eins in einer Auflage von 1.000 Stück erscheinen.

Im Herbst wird das Netzwerk auf einer »Bad Art World Tour« seine erste künstlerische Visitenkarte abgeben: An elf Orten, quer über den Globus verteilt – darunter Leicester, Wien, Melbourne, Seattle, Brüssel und Badalona –, sind Aktionen, Konzerte, Ausstellungen und Lesungen im Namen von Bad Art geplant. Ob die präsentierten Werke der Bad Artists dann zwangsläufig gegenkulturellen Charakter tragen? »Wir schreiben der Kunst nicht vor, wie sie aussehen soll«, sagt Kiesel. »Nichtsdestotrotz: Viele Künstler, die politisch aktiv sind, drücken das in ihrem Werk aus. Es ist ja nicht so, dass man ins Atelier geht, seinen Sozialistenmantel abstreift und dann ganz ›Künstler‹ ist – das nimmt man ja immer mit.«

red

badartworld.net

Der Beitrag erscheint in der Melodie & Rhythmus 3/2017, erhältlich ab dem 30. Juni 2017 am Kiosk, im Bahnhofsbuchhandel oder im Abonnement. Die Ausgabe können Sie auch im M&R-Shop bestellen.

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