Melodie & Rhythmus

Verwirklichtes Menschsein

27.04.2015 15:54
Foto: Susann Witt-Stahl

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Rolf Becker zum 80. Geburtstag

Eine Gratulation von Moshe Zuckermann

Menschen machen ihre Geschichte, und die Geschichte, die sie machen, hat viel Böses gezeitigt. Dies Böse muss nicht in der Absicht des von den Menschen Gewollten liegen, es reicht aus, dass sie sich in menschenverachtenden Strukturen einrichten und diese Strukturen hinnehmen, sie Naturgewalten gleichsetzen, damit Böses entsteht. Wer sich eine menschenwürdige Welt wünscht, eine Welt, in der Menschen als Gattungswesen miteinander leben, muss nicht die Intentionen von Menschen bearbeiten wollen, sondern gesellschaftliche Strukturen herstellen, in denen das Leben von Menschen als Gattungswesen überhaupt erst möglich wird. Das Bewusstsein davon setzt freilich voraus, dass es die gesellschaftliche Grundlage für dieses Bewusstsein geben kann.

Was nun aber, wenn sich die Grundlage geschichtlich nicht einstellen will; wenn das Bewusstsein falsch ist, weil das gesellschaftliche Sein nicht nur das Bewusstsein bestimmt, sondern eben auch das falsche Bewusstsein? Was, wenn die Veränderung der Welt sich hinschleppt, weil die Menschen sich der Möglichkeit verweigern, eine Welt zu schaffen, in der die Strukturen von Gewalt, Angst, Elend, Not, Ausbeutung und Unfreiheit überwunden wären? Was, wenn die von den Menschen geschaffene Struktur selbst sich als scheinbar ausweglose Aporie erweist?

Als Reaktion auf diese Fragen geben sich viele der Verzweiflung hin, andere den Wonnen des Fatalismus, wieder andere der Indifferenz, die sie zuweilen auch ideologisch zur bewussten zynischen Haltung der Welt gegenüber gerinnen lassen. Sie alle interpretieren die Welt verschieden, auch ohne Philosophen zu sein – und ohne sie verändern zu wollen.

Es gibt aber auch jene, die den Glauben an den Menschen nicht verloren, die Hoffnung zum Prinzip erhoben, vor allem aber den Kampf um eine menschenwürdige Welt zur Grundhaltung ihres Lebens erhoben und verfestigt haben. Es sind jene, die das Ausgeliefertsein der Menschen an Strukturen von Gewalt und Unterdrückung lebensgeschichtlich so sehr um den Schlaf bringt, dass sie sich den gesellschaftlichen Bedingungen menschlichen Elends und Leids unermüdlich entgegenstellen. Sie können nicht anders – dürfen nicht ruhen, solange das Bestehende die Manifestation einer Welt ist, in der Unfreiheit sich immer wieder als Matrix der Geschichte erweist.

Rolf Becker ist ein solcher Mensch. Auch er kann nicht anders; er muss es sein. Es ist kein »Kunststück«, Rolf Becker zu lieben, er ist ein zutiefst liebenswürdiger Mensch. Man muss ihn aber – über alle Liebenswürdigkeit, alle Zuvorkommenheit und, ja, auch seine physische Schönheit hinaus – ebenso bewundern. Selten haben sich herzenswarme Menschlichkeit, emanzipativer Kampf und die Aura unverbrüchlicher Hoffnung so harmonisch in einer Person vereinigt. Nicht zuletzt dafür muss man ihm dankbar sein. Sein 80. Geburtstag, der ihm nach der jüdischen Wunschtradition noch weitere 40 Jahre verheißt, ist eine erfreuliche Gelegenheit, ihm die Dankbarkeit für alles auszusprechen, was er als politischer Mensch und Künstler geschaffen, nicht zuletzt aber auch dafür, was er in seinem Menschsein immer schon verwirklicht hat.

Der Beitrag erscheint in der Melodie und Rhythmus 3/2015, erhältlich ab dem 30. April 2015 am Kiosk, im Bahnhofsbuchhandel oder im Abonnement. Die Ausgabe können Sie auch im M&R-Shop bestellen.

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