Melodie & Rhythmus

Konferenz: »Marx lesen hilft …«

22.04.2014 15:23

Marx lesen

titelWas hat Popmusik mit Klassenkampf zu tun? Nach dem bürgerlichen Musikverständnis ist die Antwort einfach: Gar nichts. Wieso sollte etwas, das in der Freizeit gespielt, gesungen und betanzt wird, etwas Heiteres und Fröhliches wie »Love Is in the Air«, mit so etwas Niederem und Garstigem wie dem Mindestlohn zu tun haben? Aus Sicht des Marxismus ist die Antwort gar nicht einfach, obwohl die Antwort lautet: Die gesamte Popkultur hat mit Klassenkampf zu tun. Aber der Marxist fügt verkomplizierend hinzu: Der Zusammenhang besteht selten eindeutig, Pop und Klassenkampf sind meist indirekt miteinander verbunden. Das Wann, Wo und Wie politischer Wirksamkeit lässt sich nicht von vornherein bestimmen. So wie der Klassenkampf nicht nur als direkter Arbeitskampf, sondern auch als ein Kampf um die kulturelle Hegemonie stattfindet, ist Popmusik nicht nur dort politisch, wo sie sich unmittelbar politischer Sujets annimmt, sondern auch dort, wo sie unpolitisch scheint. Denn Popmusik kommt insofern immer auch eine politische Funktion zu, als mit ihr der Erkenntnisrahmen der Menschen verengt oder erweitert wird. Werden sie sich ihrer eigenen sozialen und historischen Position bewusst und können darüber reflektieren, ob ihre Lage mit den individuellen sozialen Kräften korrespondiert oder ihnen widerspricht? Musik artikuliert also Erfahrungen in bestimmten gesellschaftlichen Verhältnissen und bringt Haltungen und Einstellungen zum Ausdruck, die diese bestätigen oder ihnen entgegenstehen. Damit reflektiert aber Popmusik nicht nur gesellschaftliche Praxis, sondern greift auch in sie ein. Das gilt für alle (realistische) Kunst – für die Popmusik sogar in besonderem Maße. Denn Popmusik ist ein wichtiger Bestandteil der Kultur der Arbeiterklasse. Sogar als Ware der Kulturindustrie reflektiert sie überwiegend die Erfahrungen von Menschen aus der lohnabhängigen Bevölkerung. Popmusik kann politischen Bewegungen Slogans und Parolen an die Hand geben, die mediale Gehirnwäsche durchbrechen, und selbst der scheinbar harmloseste Popsong kann subversiv sein, solange das Vergnügen an ihm die Unzufriedenheit mit sozialen Verhältnissen schürt, die verändert werden müssen. So gesehen sind so unterschiedliche Lieder wie Harry Belafontes »Banana Boat Song«, Dolly Partons »9 to 5«, »Career Opportunities« von The Clash und »Common People« von Pulp treffliche Beispiele für den Klassenkampf in der Popmusik.

M&R-Autor Reinhard Jellen wollte genauer wissen, wie es um das Verhältnis zwischen Pop und Klassenkampf bestellt ist. Er lud Musikjournalisten, -schriftsteller und Musiker zu einer virtuellen Konferenz und bat sie, folgende Fragen zu erörtern: Inwiefern sind Popmusik und Musikgeschäft Teile des Klassenkampfs von oben und unten? Und inwieweit wird Marx gebraucht, um diesen Prozess zu begreifen?

Die Statements von Dietmar Dath, Martin Newell, Joe Carducci, Kai Degenhardt, Owen Hatherley, Simon Reynolds, Oi Polloi, Wolfgang Seidel und Dirk Scheuring zum Thema lesen Sie in der M&R 3/2014, erhältlich ab dem 25. April 2014 am Kiosk, im Bahnhofsbuchhandel oder im Abonnement. Die Ausgabe können Sie auch im M&R-Shop bestellen.

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