Melodie & Rhythmus

Der reale Aberwitz

16.03.2021 14:00

editorial
Illustration: Daniel Hager / jv / Reuters / Stephanie Keith / Pascal Lauener / public domain

Der Firnis der kapitalistischen Zivilisation ist bekanntermaßen dünn. Das gilt freilich auch für die Vernunft, die in ihr herrscht. Weil sie eine instrumentelle ist, die nur dem unvernünftigen Zweck der Warentauschgesellschaft dient und dabei keine Antwort auf die existenziellen Fragen der Menschheit liefert, droht sie, in schweren Zeiten noch hinter die Religion zurückzufallen. »Die finstre Not, die Aussichtslosigkeit, die für viele unbegreiflichen Gesetze der Krise machen die Menschen reif für ›Wunder‹«, notierte die Malerin und Kommunistin Lea Grundig 1974.

Rund ein halbes Jahrhundert später, nachdem wir den Bhagwan-Wahn und andere bizarre Auswüchse der New-Age-Welle, Ufologen, Familienaufsteller und den expandierenden Esoterikmarkt erlebt haben, wird man sich der Tragweite dieser Beobachtung erst so richtig bewusst. Dass Ostillustrierte ab 1990 Horoskope abdruckten, wie der Schriftsteller Ronald Schernikau seinerzeit bemerkt hatte, war kein Zufall, sondern ein untrügliches Zeichen für die große Niederlage des Sozialismus. Und heute, wo in deren Folge eine schlagkräftige Arbeiterbewegung fehlt und Sozialdemokraten in den Parlamenten sich unter dem Banner eines »demokratischen Sozialismus« wieder einmal der deutschen Staatsräson andienen, anstatt sich an die Spitze der Kämpfe der Ausgebeuteten zu stellen, ist die Lage ernst. Denn unsere nach Gramsci so benannte »Zeit der Monster«, in der die neoliberale Weltordnung im Zerfall, aber deren bestimmte Negation noch nicht durchgesetzt wurde, gebiert unter den Vorzeichen des Pandemiedesasters eine brandgefährliche Allianz aus Abrakadabra und rechter Demagogie. Jeder dumpfe Hetze herausrülpsende Neonazi wie jeder Tarotkartenleger fühlt sich gegenwärtig zum Höheren der Verteidigung der Menschheit gegen den »Seuchensozialismus« berufen. Als Lautsprecher dieser Mission fungiert eine Armada als Alternativmedienmacher daherkommender Rheumadecken-Betrüger, die sich – meist großzügig von marktradikalem Kapital finanziert – auf große Kaffeefahrt durch die Social-Media-Kanäle begeben, um nach der Zielgruppe orientierungsloser und verzweifelter Mensch zu fischen.

Die als »Aufklärung« inszenierte rotgrüne Propagandaabwehr, etwa durch die Amadeu Antonio Stiftung, die jede kritische Theorie gegen die Klassenherrschaft als »Verschwörungsmythos« denunziert, steuert diesem Treiben objektiv keineswegs entgegen, sondern vielmehr bei. Denn wie Adorno in seinen »Thesen gegen den Okkultismus« festhielt, bilden faschistische Ideologien und esoterische Heilslehren nichts weiter ab als den »realen Aberwitz« des freien Markts – das »nach Wahrheit darbende Bewusstsein« tastet auf diesen Irrwegen vergeblich nach der »ihm dunkel gegenwärtigen Erkenntnis«, dass die Überwindung der kapitalistischen Gesellschaft eine Notwendigkeit ist.

Auf Grundlage solcher Überlegungen beleuchten wir in dieser Ausgabe den ganzen normalen Wahnsinn in unserer Lebenswirklichkeit, ebenso die Ästhetik der ideologiekritischen Kunst und Kultur, die ihn unterminieren kann. Dass wir zudem den 100. Geburtstag von Erich Fried, einem der bedeutendsten deutschsprachigen Dichter und marxistischen Intellektuellen nach 1945, auf elf Seiten und am 7. und 8. Mai sogar noch mit einer großen Filmschau und Gala in Berlin begehen – an der sein jüngster Sohn, der Filmemacher Klaus Fried, mitwirken wird –, ist keineswegs bloß als Sahnehäubchen auf der Torte zu genießen. Fried schrieb unermüdlich gegen die falsche Wirklichkeit an und wollte nicht nur die Wahrheit vor ihr retten, sondern die ganze Welt.

Liebe Leser, man kann Erich Fried nicht würdiger erinnern, als ihm postum dabei zu helfen. Lassen Sie uns sein Werk feiern – und zwar alle gemeinsam als Zeichen gegen die Entfremdung und Vereinzelung, denen er sein ganzes Dichterleben lang mit bedingungsloser Menschenliebe trotzte.

Susann Witt-Stahl
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