Melodie & Rhythmus

Das Bewusstsein schärfen

10.03.2020 14:15

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Manaus, Amazonas. In der Favela do Bodozal war im Dezember 2018 ein Großbrand ausgebrochen. Durch den Wind griffen die Flammen auf andere Häuser über und breiteten sich in dem dicht bebauten Elendsviertel rasend schnell aus. Foto: Tommaso Protti

Tommaso Protti hat die soziale und humanitäre Katastrophe im sterbenden Amazonas dokumentiert

Interview: Bastian Tebarth

Tommaso Protti, geboren 1986 im italienischen Mantova, ist freischaffender Fotograf. Nach seinem Studium der Dokumentarfotografie und des Fotojournalismus in London führten ihn erste Projekte zurück nach Italien und in die Türkei. Seit sechs Jahren lebt er in Brasilien. 2018 war Protti zusammen mit dem britischen Journalisten Sam Cowie sechs Monate lang am Amazonas unterwegs. Sie haben mehrere Tausend Kilometer zurückgelegt, um die anhaltende Zerstörung des Regenwalds – mehr als 20 Prozent sind bereits ausgelöscht −, die sozialen Folgen und die von extremer Gewalt gekennzeichneten Lebensumstände besonders der indigenen Bevölkerung zu dokumentieren. Daraus entstand das Buch »Amazônia. Vie et mort dans la forêt tropicale brésilienne« (Amazonien. Leben und Tod im brasilianischen Regenwald). Die Reportage wurde mit dem 10. Carmignac Photojournalism Award ausgezeichnet. Prottis Bilder wurden international ausgestellt und von renommierten Magazinen wie Time und National Geographic veröffentlicht.

Bei der Betrachtung Ihrer Bilder kommt einem unweigerlich Joseph Conrads Erzählung »Herz der Finsternis« über die gnadenlose Ausbeutung der kolonisierten Menschen und der Natur in Belgisch-Kongo des 19. Jahrhunderts in den Sinn. Ist heute der Amazonas der globale Brennpunkt, an dem sich das wahre Gesicht des Kapitalismus zeigt?

Der Amazonas ist die biologisch vielfältigste Region der Erde. Wissenschaftler meinen, dass die Entwicklung in diesem Gebiet aufgrund der anhaltenden Zerstörung des Waldes einen kritischen Wendepunkt erreicht hat. Das ist das Ergebnis von Veränderungen auf dem Weltmarkt und des exponentiellen Anstiegs des globalen Verbrauchs − von Kokain bis Rindfleisch. Die Lage des Amazonas markiert einen Scheideweg: zwischen Tradition und Moderne, Bewahrung und Erschließung. Wir müssen entscheiden, ob wir gemeinsam handeln und Pfade für eine neue Lebensweise ebnen, die auf Sorgfalt und Erhaltung im Gegensatz zu Produktion und Konsumption beruht, oder ob wir einfach sein Schicksal akzeptieren. Die Verwüstung in der Region ist untrennbar mit einer bestimmten Idee von Fortschritt verbunden und wird durch illegale Abholzung und Landraub, expandierende Agrarwirtschaft und Rohstoffgewinnung vorangetrieben.

Wenn die Menschen in Europa von der Zerstörung der Regenwälder im Amazonasgebiet hören, dann denken sie an unberührte Natur, die von Bulldozern plattgewalzt wird. Ihre Fotos desavouieren diese Vorstellung. Hat sich Ihre Wahrnehmung der Region verändert, seit Sie 2014 nach Brasilien immigriert sind?

Auch mein Kopf war voller Klischeebilder, bevor ich an den Amazonas kam. Ich dachte, es sei ein völlig leerer Ort, der lediglich von einzelnen, isoliert voneinander lebenden indigenen Stämmen bewohnt wird. …

Links:
tommasoprotti.com
fondationcarmignac.com

In der gedruckten Ausgabe:
fotogalerie
Fotoreportage von Tommaso Protti: Moloch Amazonas
Eine Reise in das Herz der Finsternis des globalisierten Kapitalismus

Das komplette Interview erscheint in der Melodie & Rhythmus 2/2020, erhältlich ab dem 13. März 2020 am Kiosk, im Bahnhofsbuchhandel oder im Abonnement. Die Ausgabe können Sie auch im M&R-Shop bestellen.

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