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Radikale Veränderung des Herzens

29.03.2017 14:11

wecker70

Foto: DPA /Patrick Seeger

Konstantin Wecker zum 70. Geburtstag
Freunde und Kollegen würdigen den Künstler

Susann Witt-Stahl

Die Lebensleistung von Konstantin Wecker ist außergewöhnlich. Als Poet und Musiker hat er schon lange alles erreicht, was ein Künstler nur erreichen kann. Er spielt seine Konzerte bis heute meist vor ausverkauften Häusern. Es ist wohl vor allem sein riesiger Schatz an Herzensbildung, der bei seinem Publikum regelmäßig ozeanische Gefühle auslöst. Die Menschen, zumindest scheint es so, wollen sich an der gefühlvollen wie gegen den hässlichen Zeitgeist rebellierenden Musik und Poesie seiner Lieder nicht nur erfreuen – sie wollen sich an ihnen wärmen.

Heute mehr denn je. Die im totalitären Kapitalismus sämtliche Lebensverhältnisse in ihrem Bann haltende instrumentelle Vernunft unterwirft alles und jeden der Tauschwertlogik, die die Verdinglichung des Bewusstseins gnadenlos vorantreibt in jene bürgerliche Kälte, mit der Kriege und andere Barbareien en passant abgenickt werden. Diese »vom Menschsein abgelöste neoliberale Vernunft« lasse ihn erschaudern, gesteht Wecker im Gespräch mit M&R. Zu allem Übel, so findet er, wollten deren Verfechter uns weismachen, dass der herrschende Marktfundamentalismus alternativlos sei.

zitate

»In den vergangenen zehn Jahren versuche ich einen Spagat zwischen Spiritualität und Politik«, lautet seine Antwort auf die Verblendung. »Ich bewundere Marx, liebe seine Schriften.« Aber Wecker hält es mit dem bewegten, mit dem gelebten Marx. Wenn dem Mitverfasser des Kommunistischen Manifests ein »Ismus« angehängt und sein Schaffen als Doktrin verstanden werde, ist das dem Künstler »verdächtig«. Das gilt auch für die Neigung zum groben Materialismus mancher Kritiker der politischen Ökonomie. Wecker lauscht lieber den zarten Saiten des Kommunismus, die Rosa Luxemburg in ihren Briefen und Artikeln zum Klingen brachte: »Eine Welt muss umgestürzt werden, aber jede Träne, die geflossen ist, obwohl sie abgewischt werden konnte, ist eine Anklage; und ein zu wichtigem Tun eilender Mensch, der aus roher Unachtsamkeit einen Wurm zertritt, begeht ein Verbrechen«, schrieb sie in der Roten Fahne knapp zwei Monate vor ihrem gewaltsamen Tod. »Was für ein wunderschöner Satz von einer großartigen Frau – ich liebe sie«, kommentiert Wecker.

Eine ähnliche Dialektik von »Wut und Zärtlichkeit«, so der Titel eines 2011 erschienenen Albums, zieht sich nicht nur durch sein gesamtes künstlerisches Schaffen – sie ist auch zentraler Wesenszug des Musikers Wecker: Wenn er als »Willy«, ein aufrichtiger Prolet, der »koa Angst« hat, »vor neamands« (er feiert dieses Jahr seinen 40. Geburtstag), »Halt’s Mei, Faschist!« brüllt, dann möchte man alles, nur bloß nicht in der Haut des Faschisten stecken. »Wenn ich mich über etwas aufrege, werde ich sofort bayerisch.« Und physisch hyperaktiv: Manchmal tobt Wecker vor seinem Flügel herum, als wolle er im nächsten Moment damit Barrikaden bauen.

»Wir brauchen die Wut, sie treibt uns zum Widerstand, aber handeln sollten wir aus Liebe«, sagt er fast mahnend. Sich von Mitgefühl leiten, manchmal auch in die Kontemplation fallen lassen – beides verbindet den Liedermacher mit dem Buddhismus als Philosophie (»eine wunderbare Lebenshilfe«) – wie auch dem Drang zur radikalen Veränderung freien Lauf zu geben, ist eine Haltung, die unter den 68er-Intellektuellen verbreitet war. Erich Fromm, Mitbegründer des Freudomarxismus, meinte Parallelen zwischen Buddha und Karl Marx entdeckt zu haben: in ihrer »radikalen Forderung nach Aufgabe der Orientierung am Haben, ihrer antiautoritären Position und ihrem Eintreten für völlige Unabhängigkeit, ihrer metaphysischen Skepsis, ih- rer ›gottlosen‹ Religiosität und ihrer Forderung nach gesellschaftlicher Aktivität im Geiste der Nächstenliebe und menschlichen Solidarität.« Es war auch Fromm, der Mitte der 70er-Jahre mit der Feststellung »Zum ersten Mal in der Geschichte hängt das physische Überleben der Menschheit von einer radikalen Veränderung des Herzens ab« eine normative Erkenntnis zu Papier brachte, die von Weckers Liedern regelrecht geatmet wird.

»Es wird einem heute ständig der Satz um die Ohren gehauen: ›Wer zu viel Mitgefühl zeigt, hat keinen Verstand‹«, meint er. In den neoliberalen Denkfabriken sei das mittlerweile grassierende »68er-Bashing« designt und am Fließband produziert worden. »Wer heute ›Alt-68er‹ genannt wird, gilt als Narr, der immer noch von einer anderen Welt träumt«, so Wecker. »Deshalb habe ich mich entschieden, bekennender Utopist zu sein.« Entsprechend beeindrucken ihn die digitalen Hass-Tsunamis, denen er nach jedem seiner Aufrufe zu Solidarität mit den Flüchtlingen – »Denkt mit dem Herzen!« – ausgesetzt ist, ebenso wenig wie die erhobenen Zeigefinger der Heuchler, die plötzlich den »deutschen Notleidenden« für sich entdeckt haben, um den sie sich früher einen Dreck geschert haben. »Um alle, die notleidend sind, muss man sich kümmern. Oder sind deutsche Notleidende etwa bessere Notleidende!?«, fragt Wecker und schiebt nach: »Alles Völkische ist mir zuwider.«

Das gilt erst recht für die neue-alte Kriegsgeilheit in Politik und Medien. »Mir ist angst und bange«, sagt er. »Die Kriegsindustrie boomt weltweit. Es geht doch nur ums Geld und neue Märkte.« Allein schon, dass Deutschland erwägt, sich eigene Atomwaffen zuzulegen: »Vor 20 Jahren hätte es einen Aufschrei gegeben«, erinnert Wecker. Heute aber sei die Friedensbewegung weitgehend zerschlagen. »Es ist weit und breit niemand da, der die Kastanien aus dem Feuer holt.« Umso wichtiger sei es jetzt, dass die Künstler sich positionierten.

»Ich bin Poet und kein Politiker. Ich kann nur Ideen liefern«, betont er. Aber das ist nicht alles. Wenn er in Liedern wie »Vaterland« und »Der Krieg« mit radikalem Expressionismus sein Entsetzen rauslässt, dann packt er nicht nur die Zuhörer, sondern konturiert das Negativ von dem, was sein soll, also unbedingt erkämpft werden muss. Dass das, was er vorträgt, nicht nach aufgesetzter Betroffenheit klingt oder moralinsauer aufstößt, hat seinen Grund: Weil kein von herrschaftlicher Vernunft gesteuertes Subjekt im Wege steht, muss Wecker seine Lieder nicht komponieren – er kann sie »passieren« lassen. Weil er sich mit der ihm eigenen besonderen Fähigkeit zum Eingedenken seiner ästhetischen Instinkte und einem fast schon kindlich-naiven Vertrauen auf das Wahre, Gute und Schöne in sich unvoreingenommen seiner Musik und Poesie hingibt, vermögen diese auch noch in finsteren Zeiten die Hoffnungen seines Publikums wachzuhalten: als Vorschein einer ganz anderen, befriedeten Gesellschaft.

Zum 70. Geburtstag von Konstantin Wecker veröffentlichen wir die im Heft in Kurzfassungen präsentierten Gratulationen und Würdigungen in voller Länge: zu den Gratulationen.

Der Artikel erscheint in der Melodie & Rhythmus 2/2017, erhältlich ab dem 31. März 2017 am Kiosk, im Bahnhofsbuchhandel oder im Abonnement. Die Ausgabe können Sie auch im M&R-Shop bestellen.

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