Melodie & Rhythmus

Editorial: Selbst vergessene Spezies

24.02.2015 14:39

Editorial

Die Kantate »Ich wandte mich um und sah an alles Unrecht, das geschah unter der Sonne – Ekklesiastische Aktion« von Bernd Alois Zimmermann wird wiederaufgeführt. Der Komponist vollendete seine verzweifelte Anklage nur wenige Tage, bevor er sich am 10. August 1970 das Leben nahm. M&R erinnert an dieses herausragende Werk, das u. a. auf Texten aus Dostojewskis »Die Brüder Karamasow« basiert. »Ich will keine Harmonie, aus Liebe zur Menschheit will ich sie nicht. Lieber lasse ich es bei den ungerechten Leiden und meinem ungestillten Zorn«, ist ein eindringliches Zitat aus dem Roman, das mahnt: Wir dürfen uns niemals mit den herrschenden Verhältnissen versöhnen.

Viele Musiker beherzigen diesen – vom Gedudel der neoliberalen Fun Factory oftmals übertönten – Imperativ und verschaffen ihren Aufrufen zur Solidarität wieder Gehör: ob es die Liedermacher der Nueva Trova und ihre Konzerte für die Cuban Five sind, denen M&R in dieser Ausgabe (anlässlich der Freilassung von Gerardo Hernández, Ramón Labañino und Antonio Guerrero aus langjähriger Haft) ein großes Feature widmet, oder das US-amerikanische Hardcore-Rap-Duo Dead Prez, das mit seiner Musik die neue Black Power gegen rassistische Polizeigewalt (Ferguson ist nur die Spitze des Eisberges) mit vorantreibt. Die M&R-Redaktion hat sie interviewt.

Apropos Unrecht: Völlig aus den Fugen geraten ist das Verhältnis des Menschen zu den Tieren. In einer allein auf Profitmaximierung gebürsteten Lebens- und Konsumgüterproduktion sind die vitalen Interessen der vielen Milliarden Lebewesen, die als Eier-, Milch- und Fleischmaschinen ausgebeutet und »verbraucht« werden, nicht mal mehr einen Dreck wert. Tiere werden nur noch als amorphe Verfügungsmasse behandelt. Das hat viel mit der Selbstentfremdung des Menschen in der kapitalistischen Industriegesellschaft zu tun. Wir haben schlichtweg vergessen, dass wir selbst eine animalische Spezies sind.

Dass das Dasein von Menschen und Tieren gleichermaßen an die unabdingbare materielle Grundbedingung der Existenz eines unversehrten Körpers gebunden ist, haben Popmusiker der Gesellschaft in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder ins Gedächtnis gerufen. »Don’t Kill the Animals!«, forderten Lene Lovich und Nina Hagen (der wir übrigens in dieser Ausgabe ein Ständchen zum 60. Geburtstag bringen) 1986. »If they were meant to be eaten / They’d be growing on trees.« Ihr musikalischer Aufstand gegen die alltägliche Tierschinderei wurde zum Welthit.

Aber es geht nicht nur um Protest – sondern auch um Verständigung: Der Musicalheld Doktor John Dolittle (seine Expertisen dürfen freilich in diesem Heft nicht fehlen) beherrscht 498 Tiersprachen. Von ihm können wir lernen, wie Menschen und Tiere wieder miteinander »ins Gespräch kommen« können. Neben Liebe und Empathie ist die Musik – die sinnlichste aller künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten – die Sprache, die alle Naturwesen verstehen. Die zu seiner Zeit noch einsame Erkenntnis des Aufklärers (und Vorbilds für den jungen Karl Marx) Hermann S. Reimarus, dass nicht nur Menschen, sondern auch Tiere über »Kunsttriebe« verfügen, ist heute nicht mehr zu leugnen. Sie bildet mittlerweile sogar die Grundlage eines neuen Wissenschaftszweiges: Zoomusikologie. Der italienische Semiotik-Professor Dario Martinelli hat M&R von faszinierenden Beobachtungen berichtet.

Liebe Leser, falls es Ihnen also zu mühsam ist, Hündisch, Papageiisch und womöglich noch diverse Fischdialekte zu lernen, schlagen Sie doch einfach die neue M&R auf. Da steht sehr viel Wissenswertes über Animal Music drin.

Susann Witt-Stahl
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