Melodie & Rhythmus

»Charlie war nicht unser Freund«

24.02.2015 14:08

Charlie-Hebdo
Foto: Laurent Gillieron

Französische Linke kritisieren Satire im Dienst des »Krieges der Zivilisationen«

Wer sind eigentlich die Opfer der Pariser Morde vom 7. Januar 2015, also die Journalisten, die für Charlie Hebdo arbeiteten? Wo standen sie politisch? Links, meint die FAZ. Und für Linke hielten sie sich auch selbst – sie, die einst Bushs »Krieg gegen den Terror« in Afghanistan und im Irak begrüßt hatten, woran dankenswerterweise der tatsächlich linke Publizist Michel Collon am 11. Januar 2015 erinnerte. Charlie-Hebdo-Geschäftsführer Gérard Biard sagte 2011 der deutschen Wochenzeitung Jungle World: »Wir definieren uns nicht nur als laizistisch, sondern atheistisch – und links natürlich […]. Wir haben schon so oft Karikaturen und Witze über katholische Fundamentalisten, Katholiken, den Papst veröffentlicht, und keineswegs greifen wir den Islam in besonderer Weise an.«

Nun reißen nicht nur Linke in Frankreich Pfaffenwitze – es ist ein Volkssport. Keinen Spaß freilich verstanden die Witzbolde, als ihr Autor Siné 2008 über den Präsidentensohn Jean Sarkozy und seine jüdische Verlobte aus dem Multimillionärshaus Darty spöttelte. Charlie-Hebdo- Herausgeber Philippe Val erkannte »Antisemitismus« und feuerte Siné. Zwei Jahre später musste die Zeitschrift Siné 90.000 Euro Schadenersatz plus Zinsen zahlen. Denn er, so das Gericht, habe nur von seinem Recht auf Satire Gebrauch gemacht, wie Libération am 17. Dezember 2012 berichtete.

Als Siné gefeuert wurde, gehörte zur Redaktion die Aktivistin Caroline Fourest, die sich mit einem vor historischen Fehlern strotzenden Buch über den Schweizer Muslim Tariq Ramadan bei dem Großbürger und Libyen-Kriegshetzer Bernard-Henri Lévy beliebt gemacht hatte.

2011, nach einer Ausgabe mit dem Schwerpunkt Islamwitze, hatte eine Handgranate die Büroräume von Charlie Hebdo verwüstet. Personenschaden gab es damals nicht. Während der Mainstream sogleich die Pressefreiheit bedroht sah, verwiesen linke Autoren wie Thomas Deltombe und Laurent Lévy auf die inzwischen allgegenwärtige »Islamkritik« und islamophobe Auswüchse im ganzen Lande – bei grober Nichtbeachtung zum Beispiel der Angriffe auf Roma: Fast zur selben Zeit war in Paris der Rom Ion Salagean durch einen Brandanschlag ermordet worden.

Nun, Anfang 2015, wo alle Charlie sein wollen, findet die linke Union Juive Française Pour La Paix: Das Verbrechen reiche weit hinter die Täter zurück, nämlich bis hin zur Ineinssetzung der Muslime mit sich als muslimisch verstehenden Mörderbanden und bis zu ihrer aller Missbrauch als Sündenböcke. In diesem Sinne seien Henker wie Opfer beteiligt am Pariser »Krieg der Zivilisationen«. »Uns graut vor den Mördern«, schreiben die friedensbewegten Juden, »doch Charlie war nicht unser Freund, und er ist es auch jetzt nicht. Wir sind nicht Charlie«.

Thomas Immanuel Steinberg

Der Artikel erscheint in der M&R 2/2015, erhältlich ab dem 27. Februar 2015 am Kiosk, im Bahnhofsbuchhandel oder im Abonnement. Die Ausgabe können Sie auch im M&R-Shop bestellen.

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