Melodie & Rhythmus

MAGAZIN: Spackenhirn

28.02.2012 12:09

Ein Datenstripper verwechselt Transparenz mit Exhibitionismus

HellerChristian Heller, Autor des Buchs »Post-Privacy – Prima leben ohne Privatsphäre«, zählt sich zur Spackeria. Das ist ein kleiner Kreis von Leuten, die auf Datenschutz pfeifen, weil sie auf die gesamte Privatsphäre im Internet pfeifen. Der Name »Spackeria« (eigentlich: »Post-Privacy-Spackos«) stammt von der Sprecherin des Chaos Computer Clubs, Constanze Kurz. Sie hatte ihn auf einem CCCKongress flapsig geäußert, danach verselbständigte er sich zum Gattungsbegriff für die Spezies der computeraffinen Trotzköpfchen mit Aufmerksamkeitsdefiziten.

Die Spackeria betrachtet Datenschutz als Relikt aus einer fernen Zeit. Er zwinge die Bürger unter das Diktat der informationellen Selbstbestimmung, damit die Regierung die Bürger um so wirkungsvoller kontrollieren könne. Das klingt nach der ganz großen Verschwörung, die Heller unter seinem Aluhut durchschaut hat. Deshalb stellt er demonstrativ das private Alltagsleben online. Er veröffentlicht seine Einkaufslisten, Kontostände, Steuererklärungen und den aktuellen Flaschenpfand. Sind diese Angaben korrekt, vegetiert er unter der Armutsgrenze. Dieses Leben als prekärer Datenstripper mag für Heller prickelnd sein. Andere Menschen, die sich online weniger exhibitionistisch produzieren möchten, dreht sich bei Spacken wie ihm der Magen um. Denn die Spacken arbeiten wissentlich den Überwachungsfetischisten in die Hände.

Das zwischen Japan, den USA und der EU geheim ausgehandelte Anti-Produktpiraterie- Abkommen ACTA ist noch nicht vom Tisch, da wird für den Fall des Scheiterns schon am nächsten Vertrag gearbeitet. Eine im ACTA gestrichene Passage, die die Provider zwingt, den Internetverkehr ihrer Kunden zu überwachen, taucht im EU-Entwurf der Richtlinie zur Durchsetzung der Rechte an immateriellen Gütern (IPRED) wieder auf. Der Provider kann verpflichtet werden, jeden Datentransfer zu scannen und bei Verdacht auf Verstöße gegen das geltende Recht zu sperren. Bei Verdacht, nicht bei Beweis.

Die Post öffnet nicht jeden Brief. Die Provider sollen es mit der E-Post tun. Während die Datenschützer protestieren, sonnt sich die Spackeria im elitären Dünkel und klatscht begeistert Beifall. Das wird in konservativen Kreisen mit Wohlwollen registriert. Dass ausgerechnet aus der Internet-Szene Argumente für den Satz »Wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten« geliefert werden, hätten sie nicht mehr erwartet.

Jürgen Winkler

Christian Heller Post-Privacy
Verlag C.H.Beck

Der Beitrag erscheint in der Melodie&Rhythmus 2/2012, erhältlich ab dem 2. März 2012 am Kiosk, im Bahnhofsbuchhandel oder im Abonnement. Die Ausgabe können Sie auch hier bestellen.

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