Melodie & Rhythmus

Das sozialdarwinistische Prinzip

15.12.2020 14:36
Foto: Imago / Zuna Press / Mary Evans, Felix Jason, Xcoreyxperrinex

Bob Ewell (r.), »To Kill a Mockingbird«, 1960
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Gespräch mit Nancy Isenberg über die Ideologie der Verächtlichmachung und Ausgrenzung der armen weißen Bevölkerung in den USA

Die US-amerikanische Historikerin Nancy Isenberg von der Louisiana State University in Baton Rouge hat 2016 ein Buch über die verelendete weiße Unterklasse in den USA veröffentlicht: »White Trash. The 400-Year Untold History of Class in America« (Weißer Abschaum. 400 Jahre unerzählte Geschichte der Klassen in Amerika). Es wurde während des ersten Präsidentschaftswahlkampfs von Donald Trump zu einem auch international viel beachteten Bestseller. Susann Witt-Stahl sprach mit Nancy Isenberg über die Armen als Narrativ der US-amerikanischen Gesellschaft, Kultur und Politik.

Donald Trump wurde 2016 vom Gros der von den Demokraten dominierten US-amerikanischen Medien und dem Politikestablishment als »White-Trash«-Kandidat gehandelt. Das hat ihm weniger geschadet als dazu beigetragen, dass er sich Street Credibility verschaffen und als Rächer der Working Poor inszenieren konnte, der tapfer mit dem Rücken zur Wand gegen eine Übermacht von arroganten liberalen Besserverdienenden in den Metropolen kämpft. Ist seine Wahlniederlage 2020 ein Zeichen dafür, dass er mit dieser Masche nicht mehr durchkommt?
Oder bestätigt sie perspektivisch nur noch mehr das Gefühl von vielen tatsächlich Zukurzgekommenen, dass »ihr Kandidat« angefeindet wird, weil er ihre Interessen vertritt?

Vor vier Jahren schrieb noch Steve Bannon die Reden, in denen Trump versprach, den Rust Belt zu retten. Aber diese Rhetorik ist überholt. Nachdem sich die Öffentlichkeit damals für kurze Zeit fasziniert von Trumps Unterstützerklientel gezeigt hatte, hat sie sich längst wieder darauf besonnen, die Klassenfrage auszublenden. Diesmal übermittelte Trump vor allem die perverse Botschaft, dass die Covid-19-Pandemie lediglich das Produkt einer Medienhysterie sei, und präsentierte sich als Selfmademan. Sein Personenkult fußte darauf, sich schamlos der Realität zu verweigern, seine Kritiker zu Feinden zu erklären und Extremisten, etwa die gut bewaffneten Proud Boys, zu ermutigen, Chaos zu stiften. Hinzu kam, dass die Black-Lives-Matter-Demonstrationen ein Pro-Trump-Kontingent genährt haben, das mit Gegenprotesten um Medienaufmerksamkeit heischte. Die Amerikaner setzen gewohnheitsmäßig öffentliche Sichtbarkeit mit politischer Macht gleich. Vor seinen glühendsten Anhängern – das sind vorwiegend keine armen Leute, sondern sie stammen eher aus der unteren Mittelschicht – ist es Trump in seiner Selbstdarstellung gelungen, die Reality-TV-Berühmtheit von Mar-a-Lago mit dem Häuptling der »vergessenen Männer« der unsichtbaren weißen Arbeiterklasse zu verbinden. Obwohl Trump nie die Unterklasse vertreten hat, sondern die superreichen Republikaner, die von seinen massiven Steuersenkungen profitieren, betrachten sie ihn als Verkörperung all ihrer Unzufriedenheit und ihres Zorns auf die Liberalen, die ihnen angeblich ihr Land gestohlen haben. Sie hassen die politische Korrektheit und bewundern Trumps Macht, alles zu sagen, was er will. Zwar waren 2020 auch viele Millionen Wähler seiner Karnevalsshow überdrüssig, gescheitert ist er jedoch schließlich nur am Föderalismus. Und seine Niederlage bedeutet keineswegs das Verschwinden der Demagogie. Trump hat bewiesen, wie leicht es ist, die ungeschriebenen Normen unseres schwachen demokratischen Systems zu zerschlagen. …

In Ihrem Buch illustrieren Sie »White Trash« mit »Schnappschüssen« von markanten Ereignissen des Zeitgeschehens und Szenen berühmter Werke der Film- und Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts. Zum Beispiel aus dem Südstaatendrama »To Kill a Mockingbird« (Wer die Nachtigall stört) von Harper Lee aus dem Jahr 1960: Bob Ewell, eine der Hauptfiguren, ist das Oberhaupt einer weißen Familie »bettelarmer Menschen«, wie Sie schreiben, »deren Lage nicht mehr durch wirtschaftliche Veränderungen verbessert und auch nicht mehr verschlechtert werden konnte – nicht einmal mehr durch die Depression. Sie waren menschlicher Abfall«. Mehr oder weniger verelendete Unterklassen gibt es weltweit. Was ist die Besonderheit der US-amerikanischen und ihrer Geschichte? Und was hat Sie zu der drastischen Bilanz Ihrer Studie »White Trash ist ein zentraler, wenn auch verstörender roter Faden unseres nationalen Narrativs« veranlasst?

Die meisten Amerikaner leugnen das Klassensystem, in dem wir leben, und meinen, dass harte Arbeit belohnt wird. Das ist ein Mythos. …

Das komplette Interview erscheint in der Melodie & Rhythmus 1/2021, erhältlich ab dem 18. Dezember 2020 am Kiosk, im Bahnhofsbuchhandel oder im Abonnement. Die Ausgabe können Sie auch im M&R-Shop bestellen.

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