Melodie & Rhythmus

Atombombe auf Bagdad!

15.12.2020 14:34


Fotos (Montage): AP Photo / Dominique Mollard / Picture Alliance, public domain

Wende-Linke leisteten vor 30 Jahren ideologische Schützenhilfe für den Krieg gegen den »Hitler am Golf« – und damit auch schon früh ihren Beitrag zur deutschen Normalisierung

Susann Witt-Stahl

Saddam Hussein sei kein Despot und kein Monster. Er müsse vielmehr als der genuine Nachfolger von Adolf Hitler erkannt werden, war im Februar 1991 von Hans Magnus Enzensberger aus dem deutschen Leitmedium Der Spiegel zu erfahren. »Er kämpft nicht gegen den einen oder anderen innen- oder außenpolitischen Gegner; sein Feind ist die Welt.« Wenn der Westen zwecks Eroberung und Sicherung von Märkten und Rohstoffen andere Länder überfallen will, dann müssen routinemäßig ein neuer Hitler und die Enthüllung von Plänen mindestens für einen Völkermord als Legitimation her. Erstaunlich war damals allerdings, dass ein prominenter linker Schriftsteller und einst APO-naher Intellektueller an der vordersten Kriegspropagandafront Dienst tat. Andererseits auch erklärbar: In den ersten Jahren nach dem vorläufigen welthistorischen Sieg über den Todfeind Kommunismus fand sich Enzensberger – dem Jürgen Habermas einen feinen Instinkt für Zeitgeisttrends mit den Worten »Er hat die Nase im Wind« bescheinigt hatte – nun an der Spitze einer Schar von deutschen Linken wieder, die ihre Fähnchen der Kapitulation in selbigen hängten und ihr Heil in der Flucht vom Realsozialismus in die Realpolitik des NATO-Imperialismus suchten.

»Wenn die Linke normal sein will«, amüsierte sich seinerzeit Die Zeit über das »Bekenntnis zum Krieg« von Enzensberger und Co., dann braucht sie ein Ausstiegsszenario. Nichts kam gelegener als der völkerrechtswidrige Einmarsch der irakischen Armee in Kuwait am 2. August 1990 und jene 40 R-17-Raketen, die Saddam Hussein im weiteren Verlauf seiner kriegerischen Aggression auf Israel abfeuern ließ. Dabei kamen nach israelischen Angaben zwei Menschen direkt, vier durch Erstickung bei der Verwendung von Schutzmasken und 68 weitere infolge eines Herzinfarkts ums Leben. Besonders hohen ideologischen Gebrauchswert hatte die in großem Stil verbreitete Befürchtung, dass die Flugkörper mit chemischen Gefechtsköpfen ausgestattet werden und mit ihrem »Gas« jüdisches Leben – diesmal in Israel, der einzigen Atommacht im Nahen Osten – auslöschen könnten. Der Irak verfügte dank deutscher Konzerne wie Daimler, Degussa und Siemens seit den frühen 1980ern über die dafür nötige Technologie.

Diese Mutmaßung, die sich bekanntlich nicht bestätigen sollte, galt einer wachsenden Zahl deutscher Linker sehr bald als lückenlos bewiesenes Kriegsziel des Iraks. Folglich betrachteten sie Saddam Hussein als Megahitler, der quasi nach dem Motto »Do it again, Uncle Sam!« unschädlich gemacht werden musste. Dass Hussein kurz zuvor noch einer der dreckigsten Hurensöhne der USA gewesen war (die ihn für seinen Krieg gegen den neuen Hassfeind Nummer eins, den Iran nach dem Sturz des Schah-Regimes 1979, mit hochgerüstet hatten – die Waffen kamen dann auch beim Massenmord an den Kurden im Nordirak zum Einsatz), tat ihrer Begeisterung für die von den Vereinigten Staaten angeführte Operation Desert Storm keinen Abbruch.

Zu den alarmistischsten Mobilmachern für die neue »Anti- Hitler-Koalition« und einen Kernwaffeneinsatz durch den Judenstaat gehörte der Publizist Wolfgang Pohrt. »Man fasst es einfach nicht, dass in Israel Auschwitz-Überlebende mit der Gasmaske nachts unter Sirenenalarm in den Schutzraum flüchten müssen, während die Kinder und Enkel der Massenmörder von einst hier gemütlich über das Verhältnis von erster und vierter Welt räsonieren oder sich fröhlich auf der Bonner Hofgartenwiese tummeln und nicht die Verteidigung der Bedrohten, sondern Frieden mit einem Aggressor fordern, der ohne jeden militärischen Sinn reine Bevölkerungszentren bombardiert, wie dies die Nazis in Rotterdam und Coventry taten«, hyperventilierte er im Frühjahr 1991 in der Zeitschrift Konkret. Damit hatte er auch gleich Hitlers nachträgliche willige Helfer ausgemacht: die Antiimperialisten. »Ordinäre Antisemiten«, beispielsweise der Politikwissenschafter Georg Fülberth, seien sie allemal. Die Verwendung des Begriffs »Linksfaschismus« für ihr Tun, meinte Pohrt, »stellt sich als Untertreibung dar, weil man sich die Vorsilbe links sparen kann«, es bedürfe keiner Fantasie mehr, um sie sich als »Verbände der Aktion Werwolf« vorzustellen.

Weitere verwirrte Konkret-Autoren segelten mit ihrem neuen Traumschiff Israel uneinholbar von jeder historisch-materialistischen Erkenntnis weit raus – nur dass auf ihrem Luxusdeck statt Champagner die von ihnen selbst produzierte Moralinsäure floss. Vor allem aber fetischisierten sie ein – nach Ansicht von Hardcore-Neocon-Ideologen wie Norman Podhoretz, William Kristol und Richard Perle durch den Holocaust gerechtfertigtes Privileg der USA: nämlich jederzeit allen, die ihrer Mission der »Zivilisationswahrung« hinderlich sein könnten, den »totalen Krieg« erklären zu dürfen. Entsprechend bedienten sich solche Wende-Linke reichlich eines mit Orwell’schem Manipulationspotenzial aufgeladenen Vokabulars, das in neokonservativen Denkfabriken entwickelt worden war, die damals wie Pilze aus amerikanischem Boden schossen. So entdeckte der Essayist Eike Geisel eine verblüffende Ähnlichkeit zwischen Eichmann und dem von der »Banalität des Guten« angetriebenen deutschen Friedenslager, das angeblich nur eine Sorge kenne: dass der große Diktator in Bagdad »bei der Ausführung seines von ihm angedrohten Massenverbrechens, nämlich Israel in ein einziges Krematorium zu verwandeln«, gehindert werden könnte.

Selbst nachdem sich der reale Krieg zu einem Massaker an der hoffnungslos unterlegenen irakischen Armee entfaltet hatte, wobei die Zivilbevölkerung nicht zuletzt wegen der von den USA und Großbritannien eingesetzten Uranmunition wie erwartet den höchsten Preis zahlen musste, sah Geisel immer noch überall nur amerikanische Rosinenbomber und brachte die dickste aller Berthas der ideologischen Holocaust-Instrumentalisierung in Stellung: Als aus der Friedensbewegung Äußerungen des Entsetzens über die Zahl der irakischen Opfer zu vernehmen waren – nach internationalen Schätzungen etwa 75.000 (allein bei einem Angriff der US Air Force im Februar 1991 wurden in einem Luftschutzbunker in Bagdad über 400 Zivilisten getötet) –, entblödete sich Geisel nicht, sie der Urheberschaft einer »linken Auschwitz-Lüge« zu bezichtigen und festzuhalten, diese sei noch viel schlimmer als die rechte: »Während man den Neonazis jedoch noch zugutehalten könnte, dass sie, um die Deutschen zu entlasten, die Zahl der von ihnen Ermordeten herunterlügen«, klärte Geisel auf, »so muss man von der alternativen und friedensbewegten Sucht nach der möglichst großen Opfermasse sagen, dass sie die wahre nazistische Vernichtungswut konserviert hat.«

Der Konkret-Herausgeber Hermann Gremliza fand sich standesgemäß in der ersten Reihe der Streiter für das Gute, Schöne und Wahre des US-Bombenkriegs und gegen die Meinungsdiktatur der »linksradikalen Idealpolitik«: »Das Richtige, das hier hoffentlich getan wird, darf nicht gesagt werden: dass der Irak der Fähigkeit beraubt werden muss, Israel – wie von Saddam angekündigt – anzugreifen und zu liquidieren«, lamentierte er. Um die Pein zu kaschieren, dass er im Namen des Schoah-Opferkollektivs eine Militäroffensive des Westens im Bündnis mit der Kopfabschneider-Theokratie Saudi-Arabiens gegen den »Hitler von Bagdad« unterstützte, musste sich Gremliza ideologisch noch weiter verrenken. »Würde dieser einzig vertretbare Kriegsgrund«, die Verteidigung Israels, genannt, meinte er zu wissen, »liefe jenes Gesocks, welches die arabischen Vertreter der alliierten Weltmoral darstellen, sofort auseinander oder zu Saddam über.«

Als skeptische Weggefährten einwendeten, dass auch die BRD unter Kohl ihre Aktien am Golfkrieg der USA hatte und folglich mit Gremliza und seinen Anhängern nach 1914 wieder einmal Linke, die dem deutschen Imperialismus angeblich unversöhnlich gegenüberstehen, »Kriegskrediten« zustimmten, verwies der Konkret-Chef auf das von ihm erbrachte Opfer: »1.100 Abokündigungen von Friedensfreunden«, die er kurzerhand zum deutschen »Mainstream« erklärte. Und mit der von ihm noch oben drauf gelegten bizarren These, Deutschland sei heimlich im Bunde mit den barbarischen arabischen Mächten, die das, woran Hitler gehindert worden sei, nachträglich am Judenstaat exekutieren wollten, zimmerte er bereits den ideologischen Überbau für die »Antideutschen«. Diese feiern seit 9/11 jedes von den USA und Israel veranstaltete Gemetzel als »militante Aufklärung« und großen Schritt zur Auflösung des Rätsels der Geschichte – einige von ihnen mittlerweile sogar die »Israel-Solidarität« der AfD. Und so war es nur konsequent, dass sie auch 2003 auf die Phantasmagorie einer »Achse des Bösen: Berlin–Bagdad« abhoben und den nächsten Krieg gegen den Irak als »antifaschistische Mission« etikettierten – wieder in radikaler Opposition nicht etwa gegen die deutsche Regierung, sondern die Realität, zu der etwa gehörte, dass der Frankfurter Flughafen den USA als europäisches Drehkreuz für deren Luftschläge diente.

Als Hauptsponsor zumindest von pfiffigen Ideen, wie man Kriegstreiberei irgendwie nach engagiertem Eintreten für Humanismus und Emanzipation klingen lassen kann, war pünktlich zum Ende der Sowjetunion der Gründer des Hamburger Instituts für Sozialforschung (HIS), Jan Philipp Reemtsma, in Konkret aufgetreten. Großzügig bot die Redaktion dem Tabak-Millionenerben Raum, um auf die nach dem Ende der Sowjetunion stark geschwächte antiimperialistische Linke einzudreschen, die Reemtsma wegen ihrer Abneigung gegenüber den bellizistischen Krisenlösungsmodellen der Vereinigten Staaten ein Dorn im Auge war. Zwar sei Expansionsstreben auch als Grund für deren Eintritt in den Zweiten Weltkrieg anzuführen, vor allem aber sei es »die Niederwerfung des deutschen Faschismus gewesen, und darüber können wir den anderen Aspekt vernachlässigen«, dozierte Reemtsma. Und er nannte sogleich die wahre Quelle allen Übels: »Es gab damals eine amerikanische Friedensbewegung, eine Linke, die mit dem Argument, das sei ein Krieg um Weltmachtpositionen, gegen den Kriegseintritt der USA gewesen ist.«

Die USA im antifaschistischen Widerstand – wie kann da ausgerechnet Deutschland seinen Beistand verweigern? Das damals noch verfassungsrechtlich verankerte Verbot der aktiven deutschen Kriegsbeteiligung außerhalb des NATO-Gebiets sei zwar »ein politischer Wert«, der verteidigt werden möge, befand Reemtsma, aber wenn man der Linken eins auswischen kann, wollte er offenbar gern eine Ausnahme machen. »Die Friedensbewegungsleute pflege ich dann damit zu ärgern, dass ich sage: Doch, doch, den Einsatz deutscher Soldaten befürworte ich schon, aber selbstverständlich nur unter amerikanischem Kommando«, so Deutschlands renommiertester Mäzen – bevor er wenige Jahre später die PR für die Berliner Republik samt der Auslandsmissionen ihrer Bundeswehr zum Geschäftsmodell für sein HIS entwickelte. »Es ist heute der Thinktank der rot-grünen Kriegskoalition mit Mitarbeitern, die beflissen das Geschäft der Politikberatung erledigen«, sollte der Journalist Otto Köhler 1999, einige Monate nachdem eine deutsche Luftwaffe wieder einen Bombenteppich über Serbien gelegt hatte, feststellen.

In Reemtsmas Auftrag arbeiteten Wolfgang Pohrt und das Who’s who der nach der Wende sich als reichlich korrumpierbar erweisenden kritischen Intelligenz. Sie ließ sich reihenweise für die Verbreitung der Totalitarismustheorie rekrutieren, des effektivsten Ideologieinstruments zur Durchsetzung der neoliberalen Agenda. Schließlich winkten lukrative Projekte wie die Erforschung der »gegenseitigen Verschränktheit der nazistischen und der kommunistischen Barbarei« – ein Herzenswunsch, mit dem Springers Welt nicht zufällig 1999 an Reemtsma herantrat und dessen Erfüllung dieser sich »sehr gut vorstellen« konnte. Mit von der Partie war auch Hannes Heer, der für Reemtsma schon die Wehrmachtsausstellung konzipiert hatte – offenbar noch lange kein Grund für ihn, nicht den ersten Angriffskrieg Deutschlands seit 1945 zu begrüßen (»Ich bin ein Befürworter der Intervention gewesen. Ich habe das auch geäußert im Rahmen der Öffnung der Ausstellung [in Köln]«, zitierte Otto Köhler eine Aussage von ihm aus dem November 1999). So war es nicht weiter überraschend, dass Heer zehn Jahre später endlich auch den Adenauer-Kurs als unabwendbares Schicksal betrachtete: »Heute weiß ich nicht, ob es zur Politik der Nachkriegszeit – keine öffentlichen Debatten über die Nazivergangenheit, Integration vieler Nazis, um die Westbindung der Bundesrepublik zu beschleunigen – wirklich eine Alternative gegeben hat.«

Die Karawane der deutschen »Freunde des amerikanischen Krieges«, wie sich fortan die Hardliner dieses rechtsopportunistischen Kurses selbst nannten, zog fröhlich weiter in Richtung Schlussstrich – nicht nur unter die Dauerpräsentation der deutschen »Nie-wieder-Krieg!«-Schande. Dafür wurden sie mit steilen Karrieren in Wissenschaft, Politik und Medien reichlich belohnt. Ihre Dankbarkeit für den ermöglichten Aufstieg in die Funktionseliten des deutschen Imperialismus zeigen sie, indem sie heute nach allen Regeln der Kunst der Perfidie die mit dem Rücken zur Wand stehende jüdische Linke Israels als vaterlandslose Gesellen und »Antisemiten« an den Pranger ihrer Koalition gegen alle möglichen »Hitlers« stellen – vor allem aber, indem sie die Palästinenser als deren Leibstandarte in der Levante dämonisieren und zum Abschuss freigeben.

»Schließlich steht die Sühne für Auschwitz noch aus«, hatte schon 1991 der ehemalige Unsere-Zeit-Chefredakteur Conrad Schuhler diese projektiv-revisionistische Spielart der Aufarbeitung deutscher Vergangenheit ironisch kommentiert. »Es muss den Arabern endlich vor Augen geführt werden, dass sie sich nicht mehr länger darum herumdrücken können.« Noch bevor die Bush-Regierung die ersten von ihnen zwecks »Reeducation« nach Guantanamo und Abu Ghraib schickte (später bezeichnete er diese Foltergefängnisse als »unglaublichen Skandal«, der mit falschen Antisemitismusvorwürfen »vertuscht« werden sollte), hatte es Wolfgang Pohrt gedämmert: Der prominenteste Vordenker der Wende-Linken konnte plötzlich einen kausalen Zusam menhang zwischen dem unter ihnen grassierenden neuen-alten Furor teutonicus und der Zerschlagung des Realsozialismus nicht mehr ausschließen. »Typisch deutsch, vielleicht, immer den Helden spielen zu wollen, wenn der Gegner eine Leiche ist«, charakterisierte Pohrt sein – mittlerweile ehemaliges – Gefolge. »Weil sie im doppelten Deutschland eine staatstragende Rolle spielen wollten, brauchten sie eine Begründung dafür, sich von den Linken zu distanzieren, und diese Begründung bekamen sie von mir.«

Der Beitrag erscheint in der Melodie & Rhythmus 1/2021, erhältlich ab dem 18. Dezember 2020 am Kiosk, im Bahnhofsbuchhandel oder im Abonnement. Die Ausgabe können Sie auch im M&R-Shop bestellen.

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