Melodie & Rhythmus

»Es tobt ein Kampf um unsere Geschichte«

10.12.2019 14:14
Foto: DPA / EPA / Alexandra Wey

Foto: DPA / EPA / Alexandra Wey

Ken Loach liefert ein bedrückendes Arbeiterdrama aus der Albtraumwelt der »Gig-Economy« − ein Weckruf an das unterdrückte Klassenbewusstsein

Interview: Dror Day

In seinem neuen Spielfilm »Sorry We Missed You«, der Ende Januar in die deutschen Kinos kommt, nimmt Regisseur Ken Loach die »Gig-Economy« und ihre Nullstundenverträge unter die Lupe – ein besonders brutales Ausbeutungsinstrument des Arbeitsmarkts im neoliberalen Kapitalismus. M&R sprach mit dem Meister des Sozialrealismus über seine filmische Verarbeitung der prekären Lebensverhältnisse der britischen Arbeiterklasse, sein politisches Engagement für Jeremy Corbyn und die Notwendigkeit eines radikalen Wandels.

Herr Loach, in einer wichtigen Szene von »Sorry We Missed You« bewirbt sich der Protagonist Ricky Turner als Fahrer bei einem Lieferservice. Im Vorstellungsgespräch sagt der Manager zu ihm: »Wie bei allem hier − du hast die Wahl.« Gibt es denn eine freie Wahl in der sogenannten Gig-Economy?

Der Konflikt drückt sich in unserem Film in der Degeneration der Sprache aus. Sie sagt hier das Gegenteil von dem, was in der Realität der Fall ist: Ricky wird eigentlich als Fahrer bei einem Unternehmen angestellt. Korrekt ausgedrückt, ist er dann Arbeiter dieser Firma. Aber es wird diese ideologische Sprache benutzt, um ihn stärker auszubeuten und vorzutäuschen, er hätte mehr Freiheit. Ricky wird als Privatunternehmer dargestellt, der eine Dienstleistung erbringt – als Herr seines Schicksals. Damit wird die Realität auf den Kopf gestellt, denn in Wahrheit verliert Ricky Freiheiten, beispielsweise die Freiheit, bezahlte Urlaubs- und Krankentage zu bekommen.

Der Neoliberalismus agiert oft im Namen der Freiheit.

Das hat er immer getan. Man redet von der »freien Welt«, obwohl wir tatsächlich ein Wirtschaftssystem haben, das Menschen wie Hamster im Laufrad antreibt. Und so wird das Wort »Freiheit« mit der Freiheit des Kapitals gleichgesetzt, Profit zu machen, und nicht mit der Freiheit der Menschen, ein Leben in Sicherheit zu führen. Der Schritt in Richtung prekärer Arbeit begann für uns in Großbritannien mit Margaret Thatcher − mit den Privatisierungen in den 80er-Jahren und der Schwächung der Gewerkschaften, um zu erreichen, dass sie die Rechte der Arbeiter nicht mehr schützen konnten. Der Achtstundentag verschwand langsam und wurde ersetzt durch die Ansage: »Wir sagen dir, wann du zu arbeiten hast und wann wir dich bezahlen.«

Sie zeigen den Lebensalltag des »Hamsters im Laufrad« und führen uns die Arbeitsroutinen des Ehepaars Ricky und Abbie in den qualvollen Details vor Augen, die andere Filmemacher vielleicht ausgelassen hätten.

Das ist die Geschichte, solche Details erzählen sie am menschlichsten: …

Sorry We Missed You
Regie: Ken Loach
NFP

Das komplette Interview erscheint in der Melodie & Rhythmus 1/2020, erhältlich ab dem 13. Dezember 2019 am Kiosk, im Bahnhofsbuchhandel oder im Abonnement. Die Ausgabe können Sie auch im M&R-Shop bestellen.

Szene aus »Sorry We Missed You«: Die Turner-Familie beim Abendessen Foto: Joss Barratt

Szene aus »Sorry We Missed You«: Die Turner-Familie beim Abendessen
Foto: Joss Barratt

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