Melodie & Rhythmus

»Dies Lied will keine Herren«

27.12.2017 14:13
Foto: Gabriele Senft

Foto: Gabriele Senft

Daniel Viglietti, 24. Juli 1939 – 30. Oktober 2017

Ein Nachruf von Rolf Becker

Daniel ließ Schmerzen zu Liedern werden, Schmerzen der Menschen in den Ländern Lateinamerikas, erlitten von Generationen seit dem Einfall der Europäer, offene Wunden eines Erdteils. »Unbegreiflich«, so Fidel Castro 1953 in seiner unvergessenen Verteidigungsrede vor Gericht, »dass heute die meisten Familien dieses Kontinents unter schlechteren Bedingungen leben als die Indios, die Kolumbus traf, als er das schönste Land entdeckte, das Menschenaugen je gesehen haben.« Die schönsten Länder, die größten Leiden – der sozialkritische Ton von Daniels frühen Liedern wird ab Mitte der 1960er-Jahre zum politischen Aufruf: »Dies Lied will keine Herren / […] Die Gitarre Lateinamerikas/ Hat kämpfend zu singen gelernt.«

In einem Studio des WDR lernen wir uns kennen – der eine vor lesend, der andere erzählend und singend, sich auf der Gitarre begleitend, wie ich es noch nie gehört hatte. »A desalambrar« – 1973 das Lied unserer ersten, 44 Jahre danach das Lied unserer letzten Begegnung: »Reißt die Zäune nieder!/ Denn dieses Land gehört uns/ Es ist deines und seines/ Es gehört Pedro, Maria, Juan und Jose.«

Dem Militärputsch in Uruguay, der Daniel ins Exil zwingt, folgt der in Chile. Die Zahl der Flüchtenden nimmt zu, die Zahl der Ermordeten auch. Wie Víctor Jara, der oft Lieder von Daniel sang, so wie Daniel Lieder von ihm. Unruhen, Aufstände, von der CIA eingefädelte Konterrevolutionen – der lateinamerikanische Teil des Kontinents wird politisch und kulturell für Jahre zum Thema.

Hein Brühl, Hörfunkredakteur des WDR, dem wir viele der da maligen Lateinamerika-Sendungen verdanken, übersetzt und veröffentlicht zusammen mit Graciela und César Salsamendi Daniels Liedtexte, schreibt auf, was er darüber erzählt: »1966 hatten streikende Arbeiter der Gefrierfleischfabriken bei Montevideo einen Protestmarsch organisiert. Die Ordnungsmacht stoppte den Zug, leistete sich dabei unmenschliche Übergriffe. Zeitungen veröffentlichten Fotos, auf denen Arbeiter hilflos am Boden lagen, mit gefesselten Armen und Beinen. 1966 ein ungewöhnliches Bild – später zeigte sich, dass es nur ein Vorspiel war. Mich erfasste Wut, mich berührte das ganz persönlich. Als Sänger, als Chronist komponierte ich auf meinem Werkzeug, der Gitarre, die Milonga, ein Lied, das nicht von den niedergeknüppelten Arbeitern, sondern vom Grundproblem der uruguayischen Wirtschaft handelt, von der Realität Lateinamerikas und der Dritten Welt: vom Großgrundbesitz.«

Kommentierendes Erzählen gehört schon damals zu Daniels Auftritten: mal ein Lied einleitend, mal unterbrechend, mal überleitend zum nächsten – Zusammenhang schaffend nicht nur für die jeweilige Veranstaltung, sondern von der einen zur nächsten, für »das Lied, das wir alle zusammen schreiben und singen müssen«. Für ein unabhängiges Lateinamerika, eine Welt frei von imperialistischer Unterdrückung und neokolonialer Ausbeutung. Mit Pablo Neruda: »Hier ist meine zärtliche Liebe für diese Zeit. Ihr kennt sie. Ich habe keine andere Fahne.«

1984 endet die Militärdiktatur in Uruguay, Daniel kehrt in seine Heimat zurück. 29 Jahre danach sehen wir uns wieder, in Monte video, vor Ort: »Gib dem Indio deine Hand/ Gib sie ihm, dass er dich führe/ Damit du den Weg findest/ Wie ich ihn gestern fand.« Wege, die zu Geschichten und Liedern wurden – wie der zur Gedenkstätte für die von Schergen der Militärdiktatur Verhafteten, die Verschwundenen, Gefolterten und Ermordeten, die »starben, um zu leben«. Daniel vor den Glaswänden mit den eingravierten Namen der Toten, darunter viele seiner Freunde: »Mein Name fehlt.« Aber auch unnachgiebig: »Nunca más – nie wieder!«

Gemeinsamer Blick, zusammen mit Lourdes, seiner Frau, von der Terrasse seines Cafés Bacacay auf das Teatro Solís, einst Stätte seiner größten Erfolge. Am 31. Oktober 2017, einen Tag nach seinem Tod, ist er dort aufgebahrt, Tausende nehmen Abschied. So wie ich mit diesem Gruß.

Für Lourdes, in Dankbarkeit
Rolf

Hommage an Daniel Viglietti

Rezitation: Rolf Becker // Musik: Wenzel, Frauke Pietsch, Nicolás Miquea, Frank Viehweg, Tobias Thiele, Tiempo Nuevo
21. Februar 2018, Berlin, WABE
Nähere Infos und Tickets: melodieundrhythmus.com/viglietti

Der Beitrag erscheint in der Melodie & Rhythmus 1/2018, erhältlich ab dem 29. Dezember 2017 am Kiosk, im Bahnhofsbuchhandel oder im Abonnement. Die Ausgabe können Sie auch im M&R-Shop bestellen.

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