Melodie & Rhythmus

Verlässliche Partner im Nation Branding

26.12.2016 14:27
»Tolles Maßnahmenpaket«: Dieter Gorny (r.) und MdB Rüdiger Kruse (l.) Foto: Initiative Musik

»Tolles Maßnahmenpaket«: Dieter Gorny (r.) und MdB Rüdiger Kruse (l.)
Foto: Initiative Musik

Ein Kommentar von Fabian Schwinger zur Popförderung des Bundes

Immerhin: Von den 660 Millionen Euro, die der Bund in den kommenden Jahren zusätzlich in die Kulturförderung stecken wird, fließen 2017 8,2 Millionen in die Stärkung von Rock-, Pop- und Jazzmusik in Deutschland. Der Löwenanteil davon geht an die Initiative Musik, die zentrale Fördereinrichtung für die deutsche Musikwirtschaft, die das »tolle Maßnahmenpaket«, so Aufsitzratvorsitzender Dieter Gorny, auch publizistisch weit streut.

Im Prinzip ist jede Investition begrüßenswert, die der Kultur und nicht etwa dem Militär zugutekommt (nur mal zum Vergleich: Der diesjährige Etat für Kultur und Medien beläuft sich auf 1,63 Milliarden, der des Verteidigungsministeriums auf rund 37 Milliarden Euro), dennoch haben die ebenfalls geförderten, als Branchentreffs bekannten Festivals bislang allenfalls diskursive, aber keine musikalische Relevanz gezeitigt. Der Kreis der Beschenkten kürt sich dennoch reichlich selbstbewusst zur Pop-Elite: Alexander Schulz sieht sein Reeperbahn-Festival auf dem besten Weg zu einer »international relevanten Leitveranstaltung«, Norbert Oberhaus erhebt die c/o pop in den Olymp der »popmusikalischen Leuchtturm-Veranstaltungen«, und Sybille Kornitschky, Projektleiterin der jazzahead! Bremen, gelobt artig den »Export von deutschem Jazz«.

Das Mantra von der selbstlosen Förderung kultureller Vielfalt führt Rüdiger Kruse (CDU) vom Haushaltsausschuss des Bundestages routiniert im Mund, aber Subventionierung geschieht nie ohne Eigennutz derer, die politisch und ökonomisch den Ton angeben – und scheint in diesem Fall allzu offensichtlich auf die Etablierung deutscher Popleitkultur und auf deren Export zu schielen. Das Maßnahmenpaket ist der Startschuss zur infrastrukturellen Aufrüstung, um »Made in Germany« fest als Marke in Sachen Popkultur zu verankern und Deutschland als internationalen Standort herauszuputzen. Dafür verbreitet das »Exportbüro« der Initiative Musik das Bild vom hippen Dichter-, Denker- und Musikervolk – und verhilft damit nicht nur der schwächelnden Musikindustrie zu einem Almosen, sondern stellt der deutschen Außenpolitik ein Instrument der Imagepflege an die Seite, das von deren Expansionsbestrebungen abzulenken vermag. Die dominierende Position einer im Bereich des Nation Branding so aktiven Institution wie der Initiative Musik weiter zu stärken, lässt Kulturförderung zur Whitewashing- Kampagne verkommen. Schade, dass vielen Musikern diese Hintergründe leidlich egal sind und sie sich mangels Alternativen achselzuckend ein schwarz-rot-goldenes Logo auf ihre CD pappen.

Der Beitrag erscheint in der Melodie und Rhythmus 1/2017, erhältlich ab dem 30. Dezember 2016 am Kiosk, im Bahnhofsbuchhandel oder im Abonnement. Die Ausgabe können Sie auch im M&R-Shop bestellen.

Ähnliche Artikel:

Anzeigen

Che: Die ersten Jahre

flashback
logo-373x100
Facebookhttps://www.facebook.com/melodieundrhythmus20Twitter20rss

Jetzt am Kiosk!

Anzeige junge Welt

Melden Sie sich für unseren Newsletter an

M&R Aktuell

zuckermann

Deutsche Abgründe


Ein kleiner Schritt für Frankfurts Bürgermeister, ein großer Sprung für deutsche Normalisierer: Uwe Becker (CDU) demonstriert neues-altes Selbstbewusstsein und erklärt jüdische und andere Israelkritiker kurzerhand für »nicht willkommen« in seiner Stadt. Zu den unerwünschten Personen gehört der israelische Historiker und Sohn von Holocaust-Überlebenden Moshe Zuckermann, der in Frankfurt aufgewachsen ist. M&R bat ihn um eine Replik.

»Entscheidend ist, welche Haltung wir einnehmen«


Gespräch mit Susann Witt-Stahl. Über Gegenkultur, Ideologiekritik und notwendige neue Impulse für den Kulturjournalismus
Aus: junge Welt vom 25.03.2017, Wochenendbeilage

Aktuelle Ausgabe bestellen*

1. per Mail: abo@melodieundrhythmus.com
2. per Telefon: 030/ 53 63 55 37
3. per Telefax: 030/ 53 63 55 51
4. per Post: Verlag 8. Mai GmbH, Torstr. 6, 10119 Berlin
5. im M&R-Shop

*Preis 6,90 Euro inkl. 7% MwSt. zzgl. Versand 1,80 Euro

Ältere Ausgaben im M&R-Shop nachbestellen.
M&R Shop

M&R im Interview

Gespräch mit Susann Witt-Stahl:
Kritischer Musikjournalismus in ideologisch angespannter Zeit.

Interview lesen
 
Gespräch mit Susann Witt-Stahl:
Über die neu ­gestaltete Musikzeitschrift Melodie und Rhythmus, Walter Ulbricht und Iron Maiden, Rock’n’Roll und Krieg, marxistische Ästhetik und Neoliberalismus, Straßen-Rap und Adorno.

Interview lesen
 
"Wir frönen nicht irgendeiner Nostalgie"
Ein politisches Musikmagazin mit DDR-Wurzeln erfindet sich neu: Melodie & Rhythmus (M&R) hat seinen Look und seine Inhalte überarbeitet. medienmilch.de sprach mit der Chefredakteurin Susann Witt-Stahl über die Details: Interview lesen
 
• Wie sich Musik und Politik vereinbaren lassen, behandelt das Magazin “Melodie & Rhythmus” in seiner aktuellen Ausgabe. Radio F.R.E.I. hat mit der Chefredakteurin Susann Witt-Stahl gesprochen.
Radiointerview anhören